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ÖBA 9, September 2025, Seite 637

Was meinen Sie bitte?

Resilienz als persönliche Notwendigkeit und strategische Priorität

Ewald Judt und Michael Brönner

Krisen aller Art scheinen ein ständiger Begleiter der Bevölkerung, der Wirtschaft insbesondere der Finanzwirtschaft und der staatlichen Einheiten geworden zu sein. Kein Wunder, dass Resilienz in der Psychologie, der Betriebswirtschaftslehre und der Volks- und Staatswirtschaft vermehrt an Bedeutung gewonnen hat - Resilienz als Widerstandsfähigkeit oder Krisenfestigkeit. Dies gilt für Menschen, nicht an Schicksalsschlägen zu zerbrechen, und für Unternehmen sich geänderten Rahmenbedingungen zeitgerecht anzupassen und in einer Krise nicht in massive Schwierigkeiten zu geraten und es gilt ebenso für staatliche Einheiten, Krisen zu bewältigen und mit ihnen einhergehende Probleme zu minimieren. Und dies gilt ganz besonders für die finanzielle Resilienz, die die sicherstellen soll, dass a) das Bankensystem und die mit ihm zusammenhängenden Zahlungssysteme immer funktionieren und b) auch Personen und Unternehmen liquide sind, um die notwendigen Zahlungen leisten zu können.

Krisen gab es aber schon immer. Warum steht aber gerade jetzt Resilienz im Fokus?

Österreich befindet sich derzeit im dritten Jahr einer volkswirtschaftlichen Rezession. Die Inflation ist nach wie vor spürbar, die Zinspolitik bleibt angespannt und auch die geopolitischen Unsicherheiten wirken sich auf Unternehmen wie Konsumenten aus. In solchen Phasen zeigt sich, wie wichtig Resilienz ist. Sie entscheidet darüber, wie gut ein System - sei es privatwirtschaftlich, staatlich oder gesellschaftlich - mit Schocks umgehen kann. Resilienz steht deshalb jetzt besonders im Fokus, weil sie zu einer entscheidenden strategischen Kompetenz geworden ist - nicht nur um Krisen zu überstehen, sondern um aus ihnen gestärkt hervorzugehen.

Wenn man die Anzahl der Insolvenzen betrachtet, wäre das nicht die Bildung von mehr Resilienz bei Unternehmen aller Branchen sinnvoll gewesen?

Vorbereitungen sollte man vor der Krise treffen, um diese dann möglichst gut meistern zu können. Resilienz funktioniert also idealerweise vorausschauend, man bereitet sich in stabilen Zeiten auf den Ernstfall vor. Dazu gehört auch, sich gewisse Spielräume (etwa finanzielle Rücklagen oder flexible Strukturen) zu bewahren. Gleichzeitig stehen Unternehmen oft unter Druck, effizient zu wirtschaften. Zwischen maximaler Effizienz und robuster Resilienz kann ein Konflikt entstehen. Wenn sich jedoch das Umfeld verändert, verschieben sich die Prioritäten, und genau das sehen wir derzeit.

Warum wurde in der Wirtschaft auf die Krisenfestigkeit in den letzten Jahren/Jahrzehnten zu wenig geachtet?

Wie schon angedeutet: Der Fokus lag auf Effizienz und auf Wachstum. Resilienz hingegen war oftmals weniger im Fokus. Erst durch konkrete Erfahrungen (sei es die Pandemie, Energiekrise oder Cyberangriffe) rückt das Verständnis für die Notwendigkeit von Resilienz in der strategischen Unternehmensführung wieder mehr ins Bewusstsein.

Bei den Banken wurde nach der letzten Finanzkrise stark darauf gesetzt, die Krisenfestigkeit zu erhöhen. Ist die Finanzwirtschaft resilient geworden?

Die Regulierungsmaßnahmen nach der Finanzkrise (z.B. strengere Eigenkapitalvorgaben oder Stresstests) haben die Stabilität deutlich erhöht. In Österreich wurden etwa die Vergabekriterien für Immobilienkredite jüngst weiter verschärft, um Risiken besser zu steuern. Trotzdem bringt jede neue Krise auch neue Risikoprofile mit sich und die Arbeit an der Resilienz bleibt ein laufender Prozess. Es ist zu kurz gedacht, sich nur darauf zu verlassen, dass aus vorherigen Krisensituationen schon umfassende Schlüsse gezogen worden sein könnten.

Für die Banken ist aber nicht nur die eigene Resilienz wichtig, sondern auch die ihrer Unternehmenskunden. Schauen die Banken genügend darauf, dass es ihren Unternehmenskunden gut geht und sie ausreichend für die ordnungsgemäße S. 638Bedienung ihrer Verbindlichkeiten gesorgt haben?

Aus unserer Perspektive bei Mastercard können wir sagen: Die Zusammenarbeit mit Banken zeigt, dass das Thema Risikomanagement sehr ernst genommen wird. Natürlich gibt es Spielräume in der Bewertung von Bonität, aber grundsätzlich sehen wir eine hohe Sensibilität. Letztlich müssen Banken ein Gleichgewicht zwischen Ertragszielen und Risikobereitschaft finden. Ein resilientes Portfolio ist kein Zufall, sondern das Ergebnis klarer Steuerung.

Welche Rolle spielen hier bei den Unternehmenskunden und hier insbesondere bei den KMUs die Maßnahmen, die Liquidität zu sichern, eine stabile Außenfinanzierung zu haben und die Innenfinanzierung durch die nachhaltige Erzielung von Gewinnen und der so möglichen Reservebildung zu stärken?

Diese Fragen kann primär von Banken direkt beantwortet werden, da sie die unmittelbare Beziehung zu den Unternehmenskunden haben und deren Finanzierungsstrukturen am besten beurteilen können.

Muss nicht bei den Unternehmen zur Verbesserung der Finanzierung gegebenenfalls das Business Model adaptiert und ggf. ein neues Business Model gefunden werden?

Das muss das Management eines jeden Unternehmens für sich entscheiden unter Berücksichtigung aller relevanten Aspekte. Die Verfügbarkeit und Kosten von Liquidität sind natürlich einer dieser wichtigen Aspekte, die in strategische Überlegungen einfließen müssen.

Ist Finanzresilienz eine Aufgabe für die speziellen Fachleute im Unternehmen oder muss sie auch Aufgabe der Geschäftsführung sein und ihre strategische Priorität eingeräumt werden?

Das hängt sehr von der Begriffsdefinition ab. Finanzielle Stabilität gewährleistet typischerweise insbesondere das CFO-Ressort. Fragen rund um Sicherheit, insbesondere im digitalen Raum, spielen hier aber oftmals mit hinein und gehören natürlich in eher technische Ressorts, wie die eines CISOs. Eine ganzheitliche Betrachtung erfordert die Einbindung der Geschäftsführung.

Müssen die Banken aber nicht auch darauf schauen, dass ihre Privatkunden ihren Verpflichtungen nachkommen, sei es bei Konsumentenkrediten zur Finanzierung von Waren bzw. Dienstleistungen oder bei Immobilienkrediten zur Finanzierung von Hausbau oder Wohnungskauf gewährt wird?

Banken tragen eine Sorgfaltspflicht für eine verantwortungsvollen Kreditvergabe, bei der Auswahl der Kreditnehmer wie auch bei der Aufklärung über Funktionsweise und Kosten ihrer Kreditprodukte. Wichtig ist hierbei aber auch die persönliche Verantwortung der Privatkunden, sich über die Folgen des eigenen Handelns und die eigene langfristige finanzielle Gesundheit bewusst zu sein. Alle Verantwortung nur den Banken zuzuschieben wäre mir in unserer aufgeklärten Gesellschaft zu kurz gegriffen.

Ist es den Konsumenten auch in der Regel bewusst, welche Verpflichtungen sie bei einer Kreditaufnahme eingehen und wie diese erfüllen können?

Es gibt sicher viele Konsument, die sich umfassend informieren, aber auch einige, denen nicht alle Konsequenzen bewusst sind. Als Mastercard stehen wir nicht im direkten Endkundenkontakt und treffen somit auch keine Entscheidungen bezüglich der Kreditrahmen von Kartenprodukten. Die Banken sind haben darauf sicher einen noch differenzierten Blick.

Mangelt es nicht bei diesem Punkt an Finanzbildung?

Finanzbildung ist grundsätzlich ein sehr wichtiges Thema, besonders vor dem Hintergrund einer sich rasch wandelnden digitalen Zahlungslandschaft. Wir als Mastercard haben zwar keine direkte Perspektive zur Kreditvergabe, aber im Bereich des Zahlungsverkehrs ist es uns ein großes Anliegen. Die sich schnell wandelnde Technologielandschaft mit einer sehr dynamischen Bedrohungslage bezüglich Fraud, Phishing etc. macht eine kontinuierliche Bildung der Konsumenten erforderlich - nicht nur für junge Menschen, sondern generationenübergreifend.

Welche Ansätze sind hier möglich, um durch Finanzbildung ein Mehr an Resilienz zu erreichen?

Prävention beginnt mit Wissen. Wir verfolgen bei Mastercard das Prinzip „Don’t be the weakest link“: Je besser Konsument informiert sind, desto besser können sie sich schützen. Unsere Initiativen setzen deshalb unter anderem auf einfache, praxisnahe Tipps. In vielen Fällen kooperieren wir mit den kartenausgebenden Bankpartnern, um diese den Endverbrauchern zukommen zu lassen.

Aber nicht nur bei jüngeren Personen fehlt es oft an Finanzbildung um z.B. Budgetierung, Sparen/Anlage sowie Schuldenaufnahme und -management zu verstehen und anzuwenden, auch bei älteren Personen stellt sich durch die zunehmende Digitalisierung die Frage der Durchführung digitaler Finanzdienstleistungen. Wie kann diese Problemsituation einer Lösung zugeführt werden?

Gerade bei der älteren Generation ist es wichtig, im Hinblick auf die Digitalisierung diese Konsumenten nicht den Anschluss verlieren zu lassen und sie hier an die Hand zu nehmen. Es braucht altersgerechte Aufklärungs- und Unterstützungsformate.

Was aber alle - ob Banken, Unternehmen oder Privatpersonen betrifft - ist das Risiko, Opfer der Cyberkriminalität zu werden. Wie kann hier generell die Sicherheit verbessert werden?

Mastercard investiert sehr stark in die eigene Cybersicherheit, zum Schutz unseres Zahlungsverkehrsnetzwerks. Aufbauend auf unserer ausgewiesenen Kompetenz bieten wir viele Cybersecurity Services und Produkte externen Partnern an, von unseren Partner aus Banken und Handel, bis zu lokalen KMUs aus unterschiedlichen Branchen.

Ist da die Gefahr nicht im Zahlungsverkehr allein durch die Anzahl der Transaktionen und die nahezu durchgängige Digitalisierung besonders hoch?

Absolut, der Zahlungsverkehr ist ein besonders attraktives Ziel für Cyberkriminelle. Wir registrieren rund 200 Angriffe pro Minute auf unser Netzwerk. Deshalb haben wir in den letzten fünf Jahren über 7 Milliarden Dollar in unsere Sicherheitstechnologie investiert. Nur durch permanente Innovation und Vorsprung gegenüber Angreifern lässt sich dieses Risiko kontrollieren.

Sind da nicht die Nutzer des Zahlungsverkehrs, die Endkunden bei einer Transaktion, die schwächsten Glieder durch Cyberkriminelle? Wie können diese cyberresilient werden?

Genau dies gilt es zu vermeiden. Aufklärung, Wachsamkeit und gesunde Skepsis bei überraschenden Anfragen sind entscheidend. Konsument müssen sensibilisiert werden, um nicht zur Schwachstelle im System zu werden. Wie vorhin angesprochen setzten wir diesbezüglich stark auf Endkundenkommunikation, insbesondere im Schulterschluss mit den Bankpartnern.

S. 639Was können die Parteien eines Zahlungssystems zur Sicherheit der Transaktionen in diesem System beitragen?

Jeder muss seine eigenen Hausaufgaben machen. Wir stärken unsere Partner mit unseren Anwendungen, initiieren gemeinsam Aufklärungsmaßnahmen für Endkunden und arbeiten eng mit Strafverfolgungsbehörden zusammen. Nur durch diese koordinierte Herangehensweise kann systemweite Sicherheit gewährleistet werden.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Cybercrime in den nächsten Jahren?

Die Professionalisierung durch KI, Deepfakes und automatisierte Angriffe wird die Bedrohungslage weiter verschärfen. Schon heute stammt etwa die Hälfte des weltweiten Internetverkehrs von Bots. Cybercrime ist heute ein globaler Milliardenmarkt, mit Schäden, die das 20-Fache des österreichischen BIP übersteigen. Ich erwarte, dass uns das Thema noch intensiver begleiten wird, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum.

Wird sich die oft geforderte Resilienz bei Personen und Unternehmen sowie der Wirtschaft insgesamt einstellen?

Das steht zu hoffen. Es ist sowohl eine Frage der Unternehmen als auch eine gesellschaftliche Frage, wie offen wir diese Gefahr anerkennen und uns mit ihr beschäftigen. Resilienz entsteht nur dann, wenn wir uns bewusst auf die Herausforderungen einstellen und kontinuierlich daran arbeiten, unsere Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Ewald Judt im Gespräch mit Michael Brönner
Michael Broenner

Michael Brönner, Country Manager Österreich, Mastercard Europe S.A., Wien

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