Suchen Kontrast Hilfe

Besitzen Sie diesen Inhalt bereits, melden Sie sich an.
oder schalten Sie Ihr Produkt zur digitalen Nutzung frei.

Dokumentvorschau
IRZ 3, März 2026, Seite 91

Kapitalwertorientiertes Investieren, Value-Check und Bedeutung der Marktkapitalisierung

Andreas Haaker

Ende Oktober 2025 erreichte der Aktienkurs von Nvidia eine Höhe von über $ 207, wodurch die rechnerische Marktkapitalisierung (Preis einer Aktie multipliziert mit der Anzahl der ausgegebenen Aktien) kurzzeitig die Fünf-Billionen-Dollar-Marke (sic!) überschritt und Nvidia, zumindest der veröffentlichten Meinung zur Folge, einen entsprechenden Rekord-Wert aufwies. Wie üblich wird bei einer solchen Interpretation der essenzielle Unterschied zwischen dem Aktien-Wert (den man bei Erwerb des Unternehmensanteils erhält) und dem Aktien-Preis (den man für diesen Unternehmensanteil bezahlt) genauso vernebelt wie die Tatsache, dass für einzelne Aktien tatsächlich gezahlte Transaktionspreise und fiktive Hochrechnungen auf die Summe aller ausgegebenen Aktien (Marktkapitalisierung - Market Cap) etwas grundlegend Verschiedenes sind. Im Folgenden soll der Nvidia-Fall daher zum Anlass genommen werden, um auf die skizzierten Missverständnisse näher einzugehen, dabei einige Gedanken zu einer Art „Value-Check“ vorzubringen, der wiederum gemäß dem sich ändernden Hintergrundwissen auszugestalten und zu adjustieren ist.

1. Narrativ über einen „Bewertungsrekord“

Ende Oktober 2025 titelte die Financial Times: „AI frenzy sees Nvidia win title of world’s first $ 5tn business“, während das Wall Street Journal das (kurzzeitige) Überschreiten einer rechnerischen Marktkapitalisierung (Market Cap) von fünf Milliarden Dollar gleichsam als erreichten Meilenstein eines Aufwärtstrends framte („Nvidia Rockets to a New Milestone, Becoming First $ 5 Trillion Company“), was das betreffende FOMO-Narrativ weiter befeuert haben dürfte, obgleich sich kritische Stimmen mit alternativen Narrativen mehrten, deren Bedenken angesichts der die Erwartungen übertreffenden Finanzergebnisse von Nvidia teils wieder zerstreut wurden. Dieses Verhaltensmuster dürfte am besten mit der Discovering Markets Hypothesis (DMH), also einer narrativ- und faktengetriebenen Preisbildung mit Rückkoppelungseffekten und weniger mit der Vorstellung über effiziente Märkte (Efficient Market Hypothesis - EMH) vereinbar sein, nach welcher der (hochgerechnete) Marktpreis tatsächlich der beste Schätzer für den Wert sein sollte, wobei zwischenzeitlich selbst von einigen Verfechtern der EMH eine Abnahme der Markteffizienz durch Gamification und soziale Medien in Betracht gezogen wird (Less-Efficient Market Hypothesis - LEMH). Letzteres lässt sich wiederum S. 92mit der DHM in Einklang bringen. Nach der DMH verarbeiten nämlich die Marktteilnehmer die „Finanzfakten“ im Preisbildungsprozess im Lichte von vorherrschenden Narrativen, wobei sich durch positive Rückkopplung über das Preissignal der Aktienkurse das Narrativ weiterverbreitet und dadurch wiederum der subjektive Wissensstand der Marktteilnehmer und deren Einordnung der „Fakten“ und Ereignisse beeinflusst wird (vgl. Beispiel 1).

Beispiel 1:

Die Milliarden-Beteiligung von Nvidia an OpenAI, welche auch der Finanzierung des Kaufs oder Leasings von Nvidia-Chips für die von OpenAI genutzten Rechenzentren dienlich sein soll, kann primär als „Vertiefung des Ökosystems“ (Narrativ 1) positiv oder als zirkuläre Umsatzaufblähung (Narrativ 2) negativ interpretiert werden.

Eine steigende Marktkapitalisierung und gute Finanzergebnisse wirken vor dem Hintergrund des vorherrschenden AI-Narrativs entsprechend auf den Aktienkurs. Für Investitionszwecke sind Aktien daher nicht als bloße Anteilspapiere mit einem Marktpreis, sondern als Anteile an dem dahinter stehenden realen Geschäftsbetrieb zu behandeln und anhand des Ertragspotenzials zu bewerten. Dennoch wird im Einklang mit der EMH oftmals allein auf die Kurstafel geschaut, um direkt den „Marktwert“ als Entscheidungskriterium abzulesen und nicht - wie es gemäß der betriebswirtschaftlichen Logik richtig wäre - um einen mit einem Bewerbungsverfahren ermittelten Wert eines durch eine Aktie verkörperten Anteils an einem realen Geschäftsbetrieb mit dem Erwerbspreis des Anteilsscheins zu vergleichen.

[i]Bei Aktieninvestitionen wird oftmals allein auf die Kurstafel geschaut und nicht auf das realwirtschaftliche Geschäft, dessen Anteile erworben werden sollen. Eine Rekord-Marktkapitalisierung verstärkt hier das Signal steigender Aktienpreise und erweckt FOMO.

2. Kapitalwertorientiertes Investieren vs. Spekulieren

Zum betriebswirtschaftlichen Standardwissen zählen Kenntnisse über Anwendung und Anwendungsbereich der Kapitalwertmethode (Net Present Value - NPV). Eine wertorientierte Investition ist demnach nur bei einem positiven Kapitalwert (NPV > 0) durchzuführen (absolutes Vorteilhaftigkeitskriterium), wobei jeweils die Investition mit dem höheren Kapitalwert zu bevorzugen ist (relatives Vorteilhaftigkeitskriterium). Zur Berechnung des NPV wird die Investitionsauszahlung (I0) vom Barwert der erwarteten Zahlungsüberschüsse (CF) abgezogen:

2. Kapitalwertorientiertes Investieren vs. Spekulieren

Investiert man in eine Aktie als Anteil an einem realen Unternehmen, ergibt sich der Bar-Wert des Unternehmensanteils (Aktienwert - V0) durch Diskontierung der erwarteten Dividendenzahlungen (Dt) mit dem Kapitalkostensatz (k), während der Kurs der Aktie (P0) der Investitionsauszahlung (I0) entspricht:

2. Kapitalwertorientiertes Investieren vs. Spekulieren

Insofern entspricht das Mantra der Value-InvestorenPrice is what you pay, value is what you get“ (Benjamin Graham) der betriebswirtschaftlichen und unternehmerischen Logik, nach der sich der ökonomische Wert des Vermögens durch eine Investition um den Kapitalwert (NPV) ändert. Der von Graham begründete und von Warren Buffett u.a. ökonomisch erfolgreich weitergeführte Denkansatz unterscheidet sich freilich von der betriebswirtschaftlich „richtigen“ oder österreichischen Bewertungslehre, deren subjektive Ausrichtung im angelsächsischen Raum nie wirklich verstanden wurde. Den Value-Investoren geht es aber auch gar nicht darum, den Wert „richtig“ zu beziffern, sondern mit einer signifikanten „Margin of Safety“ die Realisierung eines positiven Kapitalwerts sicherzustellen: „Value investing is the discipline of buying securities at a significant discount from their current underlying values and holding them until more of their value is realized.“ Dafür mag bisweilen ein vereinfachter „Value-Check“ reichen, worüber sich freilich streiten lässt.

Zwar widerspricht der Erwerb von Aktien nach einer Kurssteigerung nicht zwingend der geschilderten Kapitalwertlogik, sofern der Kapitalwert positiv ist (Man steht halt c.p. schlechter da als bei einem Erwerb vor der Kurssteigerung, wobei steigende Aktienkaufpreise zu einer sinkenden Aktienrendite führen.), der Erwerb wegen einer Kurssteigerung erscheint indes „erklärungsbedürftig“, da der NPV c.p. geringer ist als er bei einem Kauf vorher war. Entsprechend trennt laut Warren Buffett die Beachtung des Unterschieds zwischen Aktienwert und Aktienpreis bei Investoren die Spreu vom Weizen, denn „echte“ (und erfolgreiche) Investoren „search for discrepancies between the value of a business and the price of small pieces of that business in the market.

Wer hingegen den Aktienkurs (P0) nicht als Auszahlung dem kalkulierten Wert gegenüberstellt, sondern Preissteigerungen oder (zu) hohe Kurse als Investitionsauslöser sieht, der spekuliert zumeist auf weitere Preissteigerungen, ohne das Investitionsobjekt und dessen Erfolgspotenzial zu betrachten: „In addition, we think the very term ‘value investing’ is redundant. What is ‘investing’ if it is not the act of seeking value at least sufficient to justify the amount paid? Consciously paying more for a stock than its calculated value - in the hope that it can soon be sold for a still-higher price - should be labeled speculation (which is neither illegal, immoral nor - in our view - financially fattening).

S. 93

2. Kapitalwertorientiertes Investieren vs. Spekulieren

Man sollte noch ergänzen, dass reine Spekulanten auf die Kalkulation eines Werts in der Regel verzichten und allenfalls auf Multiplikatoren zurückgreifen.

Howard Marks sieht angesichts der realen Ungewissheit im AI-Boom die Spekulanten am Werk: „Given the growth of demand for AI, which seems totally unpredictable, there can be no doubt that today’s behaviour is ‘speculative’.“ Doch weist er explizit darauf hin, dass angesichts der dem Risiko gegenüberstehenden Erfolgserwartungen entsprechende Spekulationen nicht als „irrational“ gebrandmarkt werden dürfen. Folgt man der Definition von Buffett, darf man jedoch nicht von Spekulation sprechen, soweit fundamentale Überlegungen zum Wert der Aktie vorgenommen werden, geschweige denn der kalkulierte Wert dem Aktienpreis gegenübergestellt wird. Sicher besteht bei neuen Technologien stets die Gefahr, Marktpotenziale und deren Realisierung zu überschätzen.

Immer wenn zukünftiger Fortschritt und Wissen eine Rolle spielen, beinhalten Investitionsentscheidungen gleichsam einen „spekulativen Moment“. Entsprechend führt Karl R. Popper aus: „We cannot predict, by rational or scientific methods, the future growth of our scientific knowledge. [...] if there is such a thing as growing human knowledge, then we cannot anticipate today what we shall know only tomorrow.“ Das schließt bedingte Bewertungsprognosen nicht aus, deren Hypothesen wissenschaftlich überprüfbar oder zumindest rational kritisierbar sind, zumal Bewertungswissen, wie jedes Wissen und jede Theorie auch, immer nur Vermutungswissen ist. Der Unterschied zwischen Investieren und Spekulieren besteht in dem Grad, in dem man auf „belastbare“ Hypothesen zurückgreift und diese einer kritischen Prüfung unterzieht. Die Label „tech“ oder „growth“ sollen oftmals nur rationale Überlegungen unterdrücken, welche bei der Fundierung der Bewertung mit Finanzinformationen ansetzen (fundamentale Aktienbewertung).

[i]Das Mantra der Value-Investoren „Price is what you pay, value is what you get“ (Benjamin Graham) entspricht der betriebswirtschaftlichen Logik, nach der sich der ökonomische Wert des Vermögens durch eine Investition um den Kapitalwert ändert.

3. Growth-Narrativ und Marktkapitalisierung

Die derzeitige Aktienmarktentwicklung ist technologiegetrieben, wobei sich Technologien als Mittel zur Erfüllung menschlicher Zwecke definieren lassen und es sich bei AI um eine besondere General Purpose Technology (GPT) handeln soll, „characterized by the potential for pervasive use in a wide range of sectors and by their technological dynamism. As a GPT evolves and advances it spreads throughout the economy, bringing about and fostering generalized productivity gains.“ Im AI-Fall geht man sogar davon aus, dass gleichsam in einer neuen industriellen Revolution die gesamte Ökonomie transformiert wird. Dabei kann der Optimalitätsgrad von neuen Technologien von Fall zu Fall höchst unterschiedlich ausfallen. Nicht jeder kann zu den Gewinnern einer solchen Entwicklung gehören.

S. 94

3. Growth-Narrativ und Marktkapitalisierung

Relativ unstrittig lässt sich das resultierende „Bewertungsumfeld“ als AI-Boom oder -Hype charakterisieren, wobei darüber diskutiert wird, ob es sich (bereits) um eine „Blase“ handelt, bei der neben der „Geldverbrennungsmaschine“ OpenAI die „Gewinn-Maschine“ Nvidia im Mittelpunkt der „greatest show on Earth“ steht: „Nvidia, the AI poster child, has a forward p/e ratio of about 30. That’s high but not crazy for an exceptional company capable of generating immense earnings and certainly much less than some telecoms, media and technology stocks were trading at in the dotcom boom in 1999.“ Dem durch Finanz-Fakten genährten Narrativ eines ungebremsten Wachstums entsprechend, hat etwa Goldman Sachs Nvidia als „the most important stock on earth“ betitelt. Hier stehen Umsatz- und Gewinnentwicklung sowie die Gewinnmargen mit dem „Growth-Narrativ“ in Einklang (vgl. Abb. 1, S. 93).

Der Aktienkurs stieg entsprechend der Über-Erfüllung der Erwartungen Ende Oktober 2025 auf $ 207,16, womit die Marktkapitalisierung auf 5,03 Billionen Dollar stieg, was das Wall Street Journal unter Zählung der Tage seit Überschreitung der vorhergehenden Billionen-Dollar-Marke (seit Überschreiten von 4 Billionen sind bis zur 5-Billionen-Marke 78 Tage vergangen) wie in Abb. 2 wiedergegeben framte.

Wie sollte ein Aktieninvestor auf die durch Abb. 2 vermittelte Botschaft reagieren: kaufen, verkaufen oder besser zunächst einen kühlen Kopf bewahren? Wohl Letzteres. Keinesfalls sollte man dem von Buffett gegeißelten „institutional imperative“ (herd mentality) verfallen und blindlings machen, was die anderen tun, wobei nur Fakten zur Bestätigung beachtet werden, welche das eigene Handeln „rechtfertigen“. Die Marktkapitalisierung signalisiert hier gleichsam, was die anderen denken und tun.

Eine (extrem) hohe Marktkapitalisierung sagt per se gar nichts darüber aus, ob - wie die Value-Realisten meinen - Nvidia überbewertet (gemeint ist: Preis > Wert) ist, oder ob - wie die AI-Optimisten meinen - damit feststeht, dass Bäume doch in den Himmel wachsen können. Zudem ist die Marktkapitalisierung eine fiktive Größe, bei der ein zufälliger Marktpreis einer Aktie auf die Summe aller Aktien hochgerechnet wird (vgl. Beispiel 2).

Beispiel 2:

Zur Einordnung der Marktkapitalisierung von $ 5,03 Billionen bei einem Aktienpreis von $ 207,16 kann man (bei nur einer Aktiengattung) von 24,28 Milliarden Aktien ausgehen, die ja nur zum Teil gehandelt werden: $ 5,03 Billionen/$ 207,16 = 24,28 Milliarden Aktien. Wird im Extremfall nur eine Aktie zum Preis von $ 207,16 gehandelt, wie kann man dann behaupten, das mehr als 24-Milliarden-Fache dieses zufälligen Transaktionspreises entspreche dem Marktpreis des gesamten Unternehmens, geschweige denn dem Gesamtwert?

Mit einem Gesamtwert hat die Kennzahl „Marktkapitalisierung“ im Grunde wenig zu tun, da sich der Aktien-Preis durch Angebot und (wie auch immer getriebener) Nachfrage und nicht durch eine fundamentale Bewertung ergibt. Zudem wäre der (Grenz-)Preis - falls eine solche Transaktion überhaupt zustande kommen könnte - für das Ganze Unternehmen nicht mit dem Kauf von Minderheitsanteilen (geschweige denn dem Kauf einzelner Aktien) vergleichbar, da zum einen Kontrollprämien relevant sind und zum anderen wohl kein Käufer ein paar Billionen Dollar gleichsam „auf den Tisch legen“ könnte.

Zur Rechtfertigung der Marktkapitalisierung (was auch immer diese aussagen mag) und der Vernachlässigung von fundamentalen BewertungsüberleS. 95gungen dient die Klassifizierung der betreffenden Aktie als „growth“ im Gegensatz zur Einstufung als „value“, was Warren Buffett wie folgt kritisiert hat: „We view that as fuzzy thinking [...]. In our opinion, the two approaches are joined at the hip: Growth is always a component in the calculation of value, constituting a variable whose importance can range from negligible to enormous and whose impact can be negative as well as positive.“ Demnach geht es bei Aktieninvestitionen auch im vorliegenden Fall um die „einfache“ Frage, ob der gezahlte Aktienpreis unterhalb des zu erwerbenden Aktienwerts liegt. Dazu muss man bei gegebenem Preis eine Bewertung vornehmen. „Growth oder nicht Growth“-Überlegungen ändern daran im Prinzip nichts, sind aber sehr wohl für die konkrete Bewertung relevant.

[i]Eine (extrem) hohe Marktkapitalisierung sagt per se gar nichts darüber aus, ob eine Aktie überbewertet ist, oder ob damit feststeht, dass Bäume doch in den Himmel wachsen können.

4. Versuche eines Value-Checks

4.1. Versuch einer Anwendung des Gordon-Growth-Modells

Für die Investitionsentscheidung kann man entweder den Wert einer Aktie kalkulieren und dem Aktienpreis gegenüberstellen oder ausgehend vom Preis die Frage stellen, welche konkreten Erwartungen einen Wert in Höhe des Preises „rechtfertigen“ würden und diese kritisch hinterfragen (Value-Check). In diesem Sinne werden in der Literatur etwa ein „Grenzpreis-KGV“ oder die Analyse der Break-Even-Umsätze vorgeschlagen. Hier soll als Ausgangspunkt folgende vereinfachte Bewertungsformel herangezogen werden, wobei neben der Marktkapitalisierung von $ 5,03 Billionen und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E) von 33 der Aktienpreis in Höhe von $ 207,16 (P0) bekannt sein sollen, Eigenkapitalkostensatz (k), Gewinnwachstumsrate (g) und Ausschüttungsquote (π) zunächst nicht:

4.1. Versuch einer Anwendung des Gordon-Growth-Modells

Mittels des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (P/E) von 33 lässt sich der in einem Jahr erwartete Gewinn je Aktie (EPS1) von $ 6,28 bestimmen:

4.1. Versuch einer Anwendung des Gordon-Growth-Modells

ChatGPT lieferte auf Anfrage vom folgende Informationen zu den Kapitalkosten (k), die hier beispielhaft Verwendung finden sollen:

Risk-free rate (10-year U.S. Treasury): ~ 4,02% (based on latest yield data)

Equity risk premium (U.S.): ~ 5,0% (as per recent guidance)

Beta (NVDA): ~ 2,07

US corporate tax rate: 21%

WACC for NVIDIA: ~ 13,0%

Benutzt man trotz aller theoretischen Vorbehalte das Capital Asset Pricing Model (CAPM), ergeben sich folgende Eigenkapitalkosten (k):

k = 4,02% + 2,07 x 5% = 4,02% + 10,35% = 14,37%

Nvidia schüttet soweit ersichtlich kaum Dividenden aus, weshalb die Ausschüttungsquote (π) mit einem für das Modell zu geringen Wert angesetzt werden müsste. Selbst wenn es zu rechtfertigen wäre, eine zukünftige Ausschüttungsquote von (π) 50% anzunehmen, würde sich eine implizite Wachstumsrate (g) nahe der Kapitalkosten ergeben, wobei das Wachstum von den nicht ausgeschütteten Gewinnen abhängen müsste:

4.1. Versuch einer Anwendung des Gordon-Growth-Modells

Schätzte man die fundamentale Wachstumsrate beispielsweise auf 10%, würde der Vergleich mit der impliziten Wachstumsrate eine Überbewertung implizieren (10% < 12,85%). Die Wachstumsrate ließe sich prinzipiell fundamental als Produkt aus einbehaltenen und reinvestierten Gewinnen (1 - π) und Eigenkapitalrendite (RoE) bestimmen:

g = (1 - π) * RoE

Bei einer im Nvidia-Fall vorliegenden Eigenkapitalrendite von rund 100% und einer realitätsnäheren Ausschüttungsquote um die 1% erscheint dies indes nicht sinnvoll.

Beispiel 3:

Das hoch erscheinende Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E) von 33 könnte wachstumsadjustiert werden, was üblicherweise mit der PEG ratio (Price/Earnings to Growth) geschieht:

Damit würde nach üblichen Maßstäben (wie z.B. PEG < 1,5) „zu viel“ Kurs-Gewinn-Verhältnis „pro Einheit“ Wachstum bestehen, was zwar als Indikator einer Überbewertung interpretiert wird, für entsprechende Tech-Aktien indes nicht unüblich ist.

Es wären noch zahlreiche andere ergänzende Bewertungsüberlegungen möglich (vgl. exemplarisch Beispiel 3), aber das einfache und oftmals nützliche Gordon-Growth-Modell lässt sich in Fällen wie Nvidia offensichtlich nicht sinnvoll anwenden, weil:

tatsächlich bisher keine bzw. nur geringe Ausschüttungen vorgenommen und die Gewinne reinvestiert wurden, wobei ein sehr hoher Investitionsbedarf in der Wachstumsphase typisch ist. Der Wert speist sich letztendlich „aus zeitlich nachgelagerten, wenn S. 96gleich hohen Ausschüttungserwartungen“ in ferner Zukunft.

die Differenz zwischen Kapitalkostensatz und Wachstumsrate gering ist bzw. die Wachstumsrate oberhalb der Kapitalkosten liegen kann, womit sich rechnerisch ein negativer Wert ergibt.

eine sehr hohe Wachstumsrate auf Dauer unrealistisch erscheint,

es nur einen Ausgangspunkt bilden kann und hier die Nutzung von Mehr-Phasen-Modellen mit differenzierten Wachstumsraten erforderlich erscheint. Aufbauend auf einem Dividend-Discount-Modell ist dies im vorliegenden Fall jedoch wenig zweckmäßig, solange sich keine signifikanten Dividendenausschüttungen abzeichnen.

4.2. Versuch einer Anwendung eines einfachen Free-Cash-Flow-Modells

Der Free-Cash-Flow (FCF) ergibt sich als Differenz zwischen dem operativen Cash-Flow (OCF) und dem Investitions-Cash-Flow (ICF):

4.2. Versuch einer Anwendung eines einfachen Free-Cash-Flow-Modells

Die sinnvolle Anwendung der Free-Cash-Flow-Methode setzt das Vorliegen positiver FCF voraus. Werden - wie es bei Wachstumsunternehmen aufgrund des hohen Investitionsbedarfs durchaus der Fall sein kann - in den nächsten Perioden negative FCF erwartet, ist die Anwendung der Methode in der Regel nicht adäquat. Der Blick in die Kapitalflussrechnung von Nvidia lässt indes einen hohen, bisher stark gewachsenen Free-Cash-Flow erkennen (siehe Abb. 3 und 4). Für die Aktienbewertung von Nvidia liegt es insofern nahe, als gedanklichen Ausgangspunkt einen in einem Jahr zu erwartenden „nachhaltigen“ FCF1 im Auge zu haben, welcher sich bei gegebenem Kapitalkostensatz (k = WACC) und gegebener Wachstumsrate des FCF wie folgt im Rahmen einer ersten (Ein-)Schätzung des Unternehmenswerts (EV0) nutzen ließe:

4.2. Versuch einer Anwendung eines einfachen Free-Cash-Flow-Modells

Der Blick in die Nvidia-Kapitalflussrechnungen der letzten beiden Geschäftsjahre zeigt die in Abb. 3 dargestellte Entwicklung des FCF, wobei auf die für eine tiefergehende Analyse und Prognose sicher gebotene Adjustierungen der Free-Cash-Flow-Komponenten vereinfachend verzichtet wurde.

4.2. Versuch einer Anwendung eines einfachen Free-Cash-Flow-Modells

Nimmt man den letzten FCF vom Januar 2025 und unterstellt als Ausgangspunkt der Bewertung (= FCF-1), dass sich dieser in der Zukunft nicht verändert (FCF-1 = FCF0 = FCF1 = FCF2 = ... = FCF), die FCF-Wachstumsrate (g) also null beträgt, ergibt sich folgender Unternehmenswert (V0), wenn die obigen WACC von ChatGPT unhinterfragt und ohne eine bei realen Bewertungsanlässen unverzichtbare Quellenanalyse Verwendung finden:

4.2. Versuch einer Anwendung eines einfachen Free-Cash-Flow-Modells

4.2. Versuch einer Anwendung eines einfachen Free-Cash-Flow-Modells

Von EV0 müssen die Schulden abgezogen und die nicht betrieblichen Vermögenswerte und die Zahlungsmittel hinzugerechnet werden, um auf den Wert des Eigenkapitals (V0) zu gelangen. Dieser ist dann durch die Anzahl der Aktien zu dividieren, damit man den geschätzten Wert je Aktie erhält. Es ist ersichtlich, dass die Vernachlässigung von Wachstum keinesfalls zu einem Ergebnis führt, das die Marktkapitalisierung „erklären“ kann, und wie nicht zuletzt die in Abb. 4 illustrierte Entwicklung des FCF zeigt, mit der Null-Wachstumsannahme der Realität nicht hinreichend entsprochen werden kann. Unterstellt man ein FCF-Wachstum von fast 12%, käme man S. 97zwar rechnerisch auf einen entsprechenden Wert, dessen Ermittlung aber hinsichtlich der Wachstumsannahme ähnlich problematisch wäre wie der erste Versuch einer Anwendung des Gordon-Growth-Modells. Das FCF-Wachstum in den letzten Jahren war sehr hoch, aber wie lässt sich eine solche Wachstumsrate bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag rechtfertigen? Will man als (potenzieller) Investor trotz des hohen Unsicherheitsgrads der Bewertung und des rechnerisch hohen und erklärungsbedürftigen Wachstums an dieser Stelle nicht die Reißleine ziehen oder sich zur Rechtfertigung auf eine unzureichende Multiplikator-Betrachtung einlassen, bedarf es einer differenzierten Bewertung.

4.3. Versuch einer differenzierten Bewertung

Bei der Bewertung sollte man im Sinne eines Value-Checks so einfach wie möglich, aber - frei nach Einstein - halt nicht einfacher als möglich vorgehen. Eine differenzierte Bewertung hat nicht mehr viel mit einem einfachen Value-Check zu tun, wobei das verfügbare Hintergrundwissen in Zahlen übersetzt werden muss. Hierzu findet sich eine öffentlich verfügbare Bewertung von Damodaran vom Januar 2025 (in t = -1), deren Ergebnisse in Abb. 5 abgedruckt sind.

4.3. Versuch einer differenzierten Bewertung

Ersichtlich ist, dass der von Damodaran angenommene Eigenkapitalwert von knapp $ 1,9 Billionen weit unter der damaligen Marktkapitalisierung von über $ 3 Billionen (= $ 123 je Aktie x 24,49 Mrd. Aktien) lag. Diese Bewertung könnte dennoch als Grundlage verwendet und ggf. weniger konservativ ausgestaltet und vor dem Hintergrund des verfügbaren Hintergrundwissens aktualisiert (für eine Bewertung in t = 0) und entsprechend modifiziert werden, was zu einer brauchbaren, jedoch je nach Annahmen nicht unbedingt die hohe Marktkapitalisierung oder den hohen Aktienpreis deckende Eigenkapital- oder Aktienbewertung führen könnte.

[i]Value-Investoren geht es nicht darum, den genauen Wert zu beziffern, sondern mit einer signifikanten „Margin of Safety“ die Realisierung eines positiven Kapitalwerts sicherzustellen. Dafür kann ein vereinfachter „Value-Check“ reichen.

Alle Bewertungen weisen einen „Bias“ aus, wobei es aus vielerlei Gründen psychologisch schwierig ist, sich Signalen wie der Überschreitung eines Meilensteins der Billionen-Marktkapitalisierung zu entziehen und einen deutlich unterhalb der Marktkapitalisierung kalkulierten Eigenkapitalwert nicht im Nachhinein nach oben zu adjustieren, wofür sich im vorliegenden Fall viele, teils gute Argumente finden lassen. Spätestens an dieser Stelle kommen oftmals die hier bewusst ausgeklammerten Multiplikatoren ins Spiel, die wegen der aufgezeigten Schwierigkeiten einer Bewertung und dem - selbst wenn der offensichtlich über ein hohes Maß an „Self Reliance“ verfügende sog. „Dean of Valuation“ laut Abb. 5 zu einem entsprechenden Ergebnis kommt - unvermeidlichen Unbehagen, wenn kalkulierter Eigenkapitalwert und Marktkapitalisierung nicht zusammenpassen wollen, zumeist als Substitut einer richtigen Bewertung Verwendung finden. Es ist schwer, sich dem, was die anderen denken, zu entziehen; und das, was die anderen denken, spiegelt in diesem Fall die außergewöhnliche Marktkapitalisierung wider.

5. Zusammenfassung

Der vorliegende essayartige Beitrag führte von der von Nvidia erreichten (rechnerischen) Rekord-Marktkapitalisierung über Gedanken zum kapitalwertorientierten Investieren vs. Spekulieren und Versuchen eines Value-Checks zum Ergebnis, dass sich eine hinreichend differenzierte Bewertung bei allen Schwierigkeiten nicht vermeiden lässt. Das nach aufwändiger Bewertung dann fast unvermeidliche Unbehagen, wenn kalkulierter Eigenkapitalwert und Marktkapitalisierung nicht zusammenpassen wollen, sollte nicht automatisch zu einer allzu hektischen Adjustierung des kalkulierten Werts in Richtung Marktkapitalisierung und schon gar nicht zu einer Substitution einer richtigen Bewertung durch eine reine (gegen eine kritische Ergänzung ist nichts zu sagen) Multiplikatorbetrachtung führen. Die Marktkapitalisierung als fiktive Hochrechnung eines mehr oder weniger zufälligen Transaktionspreises soll gleichsam die herrschende Auffassung über den Wert zum Ausdruck bringen, der sich der konformistische Anlegergeist schwerlich entziehen kann.

Andreas Haaker
2026_0091_01 Irz

Prof. PD Dr. Andreas Haaker, CIIA, CEFA, ist Initiator der FinanzWert-BildungsPlattform www.Wert-Ideen.Berlin und Professor für Internes Rechnungswesen und Controlling an der DHSN (Dresden). Zudem lehrt er als Privatdozent „Accountingbased stock valuation“ an der Freien Universität Berlin und ist für die Grundsatzabteilung des DGRV tätig. E-Mail: Haaker@Wert-Ideen.Berlin

Daten werden geladen...