Handbuch Örtliche Bauaufsicht
2. Aufl. 2026
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1.4. ÖBA-Mitarbeiter - Anforderungsprofil
Zur Erfüllung der angesprochenen Aufgabengebiete sind umfassende Fähigkeiten nötig. Diese können in vier Kompetenzbereiche zusammengefasst werden:
Technische Kompetenz
Bauabläufliche Kompetenz
Bauwirtschaftliche Kompetenz
Soziale Kompetenz
S. 24Bei einer detaillierten Darstellung der einzelnen Bereiche wird bereits klar, dass jeder Bereich für sich genommen schon ausgesprochen umfangreich ist. Von einer ÖBA wird erwartet, dass sie bei technischen Diskussionen zumindest mitreden kann. Um eine Baustelle im Hinblick auf die Qualität ordnungsgemäß überwachen zu können, ist die Kenntnis der technischen Normen- und Richtlinienlandschaft unumgänglich. Denkbar wäre beispielsweise, dass es zu einem Ausführungsfehler des AN aufgrund der Missachtung eines technischen Regelwerkes kommt. In Unkenntnis dieses Regelwerks bemerkt die ÖBA diesen Fehler jedoch nicht. Aus diesem Schaden könnte dann ein Folgeschaden entstehen. Die Missachtung des relevanten Regelwerkes wird sowohl dem AN als auch der ÖBA als mangelnde Sorgfalt ausgelegt werden. Somit könnten Regressansprüche durch den Bauherrn drohen (vgl Kap 1.5.2.). Dieses Beispiel zeigt bereits, wie wichtig die technische Kompetenz ist.
Im Bereich des bauabläuflichen Wissens sind die möglichen Folgen in der Regel etwas weniger gravierend. Jedoch kann die ÖBA durch diese Kompetenz erheblich zum Gelingen des Werkes beitragen. Je besser die bauabläufliche Planung sowie die Terminverfolgung in der Bauausführung, desto reibungsloser wird der Ablauf auf der Baustelle sein. Zudem sei ergänzt, dass die Folgen von Bauablaufstörungen meist erheblich sind. Je frühzeitiger Abweichungen zum terminlichen Soll erkannt werden, desto geringer ist die Gefahr von Störungen. Je größer die bauabläufliche Kompetenz, desto wahrscheinlicher ist es, dass die ÖBA diese Missstände erkennt.
Im dritten Kompetenzbereich (Bauwirtschaft) sollten die besonderen Stärken der ÖBA liegen. Sind im technischen Bereich die jeweiligen Fachplaner die Spezialisten, sollte zu Fragen der Vertragsabwicklung die ÖBA den Spezialistenstatus aufweisen. Natürlich gibt es Büros, die sich ausschließlich mit diesen Fragestellungen beschäftigen. Diese sind oft auf einen Ausschnitt der Bauwirtschaft spezialisiert, das Claim-Management. Bei diesbezüglichen Fragen werden sie dann zu Rate gezogen. Alle anderen Fragen zur Vertragsabwicklung sind von der ÖBA zu beantworten. Ein Bauwirtschaftsbüro wird man selten wegen einer Frage zur Abrechnung beiziehen.
Diese drei Fähigkeiten werden auch in der Ausbildung zum Bauingenieur übermittelt. Viele technische Fächer vermitteln ein technisches Grundwissen. In Fächern wie Baubetrieb, Bauwirtschaft oder Baumanagement werden bauwirtschaftliche Kompetenzen ergänzt - wichtige und unumgängliche Wissensbereiche. Was jedoch in der Ausbildung, egal ob Schule oder Studium, meistens zu kurz kommt, ist die Ausbildung der sozialen Kompetenz. Wie sollte man eine Baustelle organisieren können, wenn man nicht in der Lage ist, sich selbst zu organisieren? Wie kann man eine Verhandlung über MKF führen, wenn man die Interessen des anderen nicht kennt, weil man nie gelernt hat richtig zuzuhören? Diese Fragen verdeutlichen die Tragweite dieses Kompetenzbereiches, dem in der Ausbildung unS. 25serer Fachkräfte leider zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aufgrund der außerordentlichen Wichtigkeit und des Umfangs der an dieser Stelle zu erörternden Inhalte ist diesem Thema ein eigenes Kapitel in diesem Buch gewidmet. Daher wird im Folgenden nur kurz darauf eingegangen.
1.4.1. Technische Kompetenz
Unter dem Begriff technische Kompetenz wird alles technische Fachwissen subsummiert. Hierunter fallen das schulische bzw universitäre Wissen bezüglich der Verwendung von Baustoffen, der statischen Berechnungen, Grundlagen des Vermessungswesens, Verhalten von hydraulischen Stoffen, Trassierung von Bahnanlagen oder Straßen, Detailausbildungen im Hochbau und dergleichen mehr. Im Rahmen des Studiums wird ein Grundgerüst vermittelt, welches die Basis für den Einstieg in das Berufsleben darstellt. Freilich eignet sich zB ein Statiker im Laufe seines Berufslebens ein umfänglicheres und spezifischeres Wissen zur Tragwerksplanung an. Das tiefere Verständnis für das jeweilige Fachgebiet erarbeitet man sich wie überall sonst auch durch die tägliche Arbeit. Somit kann festgehalten werden, dass sich die technischen Fähigkeiten ständig weiterentwickeln. Gerade im abwechslungsreichen Baugeschäft wird man sein ganzes Berufsleben hindurch immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Entscheidend hierbei ist, dass man offen für diese neuen Erfahrungen bleibt. Wie bereits eingangs erwähnt, erwartet der Bauherr von einem ÖBA-Mitarbeiter bis zu einem gewissen Maß die Qualitäten der „eierlegenden Wollmilchsau“. Egal ob bei der Sanierung eines Krankenhauses oder dem Neubau eines Autobahnabschnittes: es wird erwartet, dass man in allen technischen Bereichen mitreden kann und ein solides Grundwissen hat.
Ein explizites Expertenwissen wird jedoch nicht verlangt und ist für einen Generalisten auch kaum erreichbar. Trotzdem ist ständige technische Weiterentwicklung anzuraten. Gerade bei Themenbereichen, mit denen viele Berührungspunkte vorliegen, sollte das Wissen zwingend durch das Studium der aktuellen Normenlage bzw Richtlinien erweitert werden. Auch Fachlektüre zu diesem Thema schadet nicht. Laufende Weiterentwicklung liegt ja in der Natur des Menschen. Jedes Lebewesen ist darauf ausgelegt, zu wachsen. Demnach befriedigt der Mensch durch das konstante Weiterentwickeln seines Wissens eines seiner Grundbedürfnisse.
Leider ist oft festzustellen, dass Mitarbeiter die Verantwortung für die Weiterbildung auf den Arbeitgeber abschieben. Weiterbildung erfolgt dann nur, wenn die Mitarbeiter auf eine Schulung geschickt werden. Dieses Verhalten ist jedoch reaktiv und nicht pro-aktiv. Man bildet sich nicht für den Arbeitgeber weiter, sondern für sich selbst. Daher ist hier eigenverantwortliches Handeln erforderS. 26lich. Natürlich stellen Schulungen, Seminare und Fortbildungen, die der Arbeitgeber bezahlt, eine Säule dieser Wissenserweiterung dar. Man „darf“ sich aber auch Fachliteratur besorgen und diese außerhalb der Arbeitszeit lesen. Nur das konstante Lernen und Wachsen führt dazu, dass man seine Fähigkeiten immer weiter ausbaut. Damit ist man in der Lage, den Herausforderungen selbstbewusst entgegenzutreten. Dies führt zwangsläufig dazu, dass die Qualität der Baustellenabwicklung deutlich ansteigt.
1.4.2. Bauabläufliche Kompetenz
Hier ist die Erweiterung des Wissens etwas schwieriger zu erreichen. Natürlich werden bestimmte Grundlagen hierzu gelehrt und sind auch einschlägiger Fachliteratur zu entnehmen. Jedoch ist die bauabläufliche Kompetenz sehr stark erfahrungsbasiert. Die Bewertung, ob die Abhängigkeiten der Vorgänge in einem Bauzeitplan sinnvoll sind, ob die Betonage zweckmäßiger mit einem Autokran oder einem kleinen Turmdrehkran ausgeführt wird oder ob die Vorgangsdauern plausibel erscheinen, erfordert einen umfänglichen Erfahrungsschatz. Anknüpfend an die Ausführungen zum Thema technische Kompetenz kann man von einem jungen Mitarbeiter eine entsprechende, voll vorhandene Grundausbildung nicht erwarten. Jedoch kann man diese Fähigkeiten ziemlich schnell aufbauen. Gerade als junger Ingenieur sollte man so viel Zeit wie möglich auf der Baustelle verbringen und die Gespräche mit dem Polier oder dem Bauleiter suchen. Wenn hier eine gute Kommunikationsbasis vorhanden ist, kann man die Beweggründe für bestimmte bauabläufliche Entscheidungen auf AN-Seite eruieren und verstehen. Eine Diskussion mit dem Polier darüber, warum er gerade dieses Gerät einsetzt, entwickelt die bauabläufliche Kompetenz in einem außerordentlichen Maße weiter. Aber nicht nur das Miteinander-Reden baut diese Fähigkeit aus. Allein den Bauablauf zu beobachten fördert das Verständnis dafür bereits. Dadurch lernt man die Zusammenhänge im Bauablauf zu verstehen. Dass man bauabläufliche Kompetenz erreicht hat, kann man daran feststellen, dass man mit dem Bauleiter auf Augenhöhe über diesbezügliche Fragestellungen diskutieren kann. Wenn man umfängliches Wissen in diesem Bereich erlangt hat, kann man bereits in der Ausschreibungsphase kompetente Aussagen über eine sinnvolle Bauabwicklung treffen. Aber auch in der Ausführungsphase bildet dieses Fachwissen natürlich die Grundlage, um beispielsweise frühzeitig drohende Ablaufstörungen zu erkennen und ihnen effektiv gegenzusteuern.
1.4.3. Bauwirtschaftliche Kompetenz
Wie einleitend erläutert wurde, hat sich die Abwicklung einer Baustelle in den letzten Dekaden enorm gewandelt. Die Ausführungsfristen werden immer kürzer, die Preise bei den ausführenden Unternehmen immer schlechter. Die Anforderungen des Auftraggebers an den Formalismus steigen. Zudem macht sich der S. 27Fachkräftemangel in der Baubranche immer deutlicher bemerkbar. Ungeachtet der derzeitigen Konjunktur können viele freie Stellen nicht besetzt werden. Unter diesen Randbedingungen gewinnt der Kompetenzbereich der Bauwirtschaft zunehmend an Bedeutung.
Aber was versteht man eigentlich unter dem Begriff Bauwirtschaft? Welche Fähigkeiten gehören zur bauwirtschaftlichen Kompetenz? Eine einheitliche Definition existiert nicht. Der Begriff Bauwirtschaft definiert einen Wirtschaftszweig, der die Planungs- und Ausführungsleistungen bei der Errichtung oder Ertüchtigung von Bauwerken erbringt. Wenn man nun den Begriff „Wirtschaftszweig“ durch „Kompetenzbereich“ ersetzt, könnte die Definition in etwa so lauten: „Der Begriff bauwirtschaftliche Kompetenz umfasst alle Fähigkeiten, die es den Beteiligten ermöglichen, Bauwerke zu errichten oder zu ertüchtigen.“
Diese Definition misst dem Begriff „Wirtschaft“ noch zu wenig Bedeutung zu. „Unter Wirtschaften werden alle menschlichen Aktivitäten verstanden, die mit dem Ziel einer bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung planmäßig und effizient über knappe Ressourcen entscheiden.“ Damit wird die Definition greifbarer. Es geht also um die Handhabung knapper Ressourcen. Das sind auch im Baugewerbe das Geld und die Zeit. Mit diesen Ressourcen muss planmäßig und effizient umgegangen werden. Die einzige Möglichkeit, diese Forderungen zu erfüllen, ist, durch einen Vertragsabschluss die gegenseitigen Rechte und Pflichten zu regeln. Bauwirtschaftliche Kompetenz umfasst also das Wissen, einen Bauvertrag zu erstellen und abzuwickeln. Ein Großteil dieses Wissens findet sich in den österreichischen Werkvertragsnormen ÖNORM B 2110 bzw für Großprojekte ÖNORM B 2118 wieder. Der Inhalt dieser beiden Normen gründet sich auf den Regelungen des Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches (kurz ABGB) zum Thema Werkvertragsrecht. Für die Erstellung und Vergabe eines Bauvertrages ist im öffentlichen Bereich das Bundesvergabegesetz zu beachten. Zudem spielen weitere Gesetze und Normen eine Rolle. Die Informationen, die über diese Regelwerke bereitgestellt werden, bilden demnach die bauwirtschaftliche Kompetenz. Welches Wissen davon für die ÖBA von besonderer Relevanz ist, zeigt die tägliche Praxis. Und aus diesen Beobachtungen ist das vorliegende Buch entstanden. Ziel der folgenden Ausführungen ist es, das umfangreiche Gebiet der Bauwirtschaft zu filetieren und genau auf die Notwendigkeiten des ÖBA-Mitarbeiters zugeschnitten zu präsentieren. Natürlich bleiben damit bestimmte Themengebiete unberücksichtigt. Manche werden dafür eingehender behandelt. Aus der Erfahrung des Autors werden jedoch alle Themen der täglichen Praxis in einem ausreichenden Detailgrad abgehandelt.
S. 281.4.4. Soziale Kompetenz
Was ist unter dem Begriff der sozialen Kompetenz zu verstehen? Es gibt keine eindeutige Definition dieses Begriffs und auch keine eindeutige Zuordnung von Fertigkeiten, die eine abschließende Bewertung über die soziale Befähigung zulassen. Sie ist zudem schwer messbar. Die Psychologie beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Thema der sozialen Kompetenz. Jedoch konnte auch sie dieses Thema bislang nicht eindeutig greifbar machen. Es ist unbestritten, dass die sozialen Fähigkeiten sowohl auf den Umgang mit sich selbst als auch in die Interaktion mit der Umwelt Einfluss nehmen. Genau dieser zweite Bereich macht es schwer, eine eindeutige Definition zu finden. Der Umgang mit anderen ist in verschiedenen Kulturkreisen, bei verschiedenen Anforderungen oder in unterschiedlichen Milieus immer ein anderer und somit fehlt die objektive Bewertbarkeit. Unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass soziale Kompetenz immer die Komplexität von Fähigkeiten bezeichnet, die dazu führt, dass durch das Handeln positive gewünschte Effekte vermehrt und negative verringert auftreten.
Ein umfassendes Thema also. Es existiert reichlich Literatur hierzu. Verständlicherweise kann hier nur ein kleiner Ausschnitt des vorhandenen Wissens präsentiert werden. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler in den letzten Jahrzehnten waren bahnbrechend. Sie haben erheblich dazu beigetragen, das Verständnis über das Verhalten des Menschen zu vertiefen, teilweise sogar drastisch zu verändern. Aus diesem Grund bildet ein Überblick über diese neuen Erkenntnisse eine gute Basis. Verhaltensweisen, die zu einer erfolgreichen Projektabwicklung beitragen, haben ihren Ursprung jedoch immer bei einem selbst. Daher ist unumgänglich, zunächst in der Lage zu sein, sich selbst zu führen. Wenn dieser Grundstein gelegt ist, kann man im Umgang mit anderen dafür Sorge tragen, dass eine vertrauensvolle Beziehung mit gegenseitigem Verständnis dazu beiträgt, möglichst alle Probleme mit Gewinn-Gewinn-Lösungen abzuschließen. Dieser Struktur für eine erfolgreiche zwischenmenschliche Baustellenabwicklung folgend ist auch das abschließende Kap 5. dieses Buches aufgebaut.
1.4.5. Fazit Anforderungsprofil an die ÖBA
Die Anforderungen an die ÖBA sind hoch. Nur durch eine konstante Weiterentwicklung des Fachwissens sowie der Persönlichkeit können alle erforderlichen Aspekte abgedeckt werden. Hierfür sind umfassende Entwicklungskonzepte der Mitarbeiter unerlässlich. Leider fehlen im Baugewerbe oftmals die Zeit oder der Wille, ein gesamtheitliches Entwicklungskonzept für die Mitarbeiter zu schaffen. Aber auch die Mitarbeiter selbst sind hier in der Pflicht. Wie bereits erwähnt reicht es nicht, sich nur auf den Arbeitgeber zu verlassen. In unserer schnelllebigen Zeit wird jedoch die konstante Förderung von Wissen immer wichtiger. Dieses Buch kann einen Teil dazu beitragen. Umfassende Schulungskonzepte, ein über Jahre hinweg ausgelegter Entwicklungsplan und die Initiative der Mitarbeiter S. 29sind weitere wichtige Bestandteile. Dafür ist es jedoch zwingend erforderlich, dass auch auf Seiten des Bauherrn ein Umdenken stattfindet. Die Forderung nach einer hundertprozentigen Anwesenheit jedes ÖBA-Mitarbeiters und nach immer mehr Leistung für halbwegs auskömmliches Entgelt bietet nicht wirklich Spielraum für die Entwicklung der Mitarbeiter. Gerade das würde aber den Bauherren selbst am meisten zugutekommen!