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„In Zeiten von New Work und New Leadership benötigen wir in der Steuerberatung neue Formen der Zusammenarbeit“
Im BFGjournal zu Gast: MMag. Silvia Simon, Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin sowie Partnerin von EOS Partner, im Gespräch mit Prof. Dr. Angela Stöger-Frank
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Silvia Simon feierte kürzlich das zehnjährige Firmenjubiläum bei EOS Partner, wo sie seit 2018 Partnerin und seit 2023 auch Teil der Geschäftsleitung ist. Ihre fachlichen Aufgabenschwerpunkte liegen derzeit in den Bereichen Umgründungen, Nachfolge und Verfahrensrecht. Als Leiterin des Servicebereiches Steuern ist sie standortübergreifend zudem für die Ausbildung der Berufsanwärter:innen zuständig. Seit Oktober 2021 ist Silvia Simon auch Mitglied der Prüfungskommission der Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen. Ich traf sie am 9. April zum Frühjahrsempfang der KSW in Wien. Unser Gespräch zur Digitalisierung und der damit verbundenen Änderungen in der Steuerberatung setzten wir nun fort. |
BFGjournal: Silvia, darf ich Silvia sagen? Immerhin bin ich von uns beiden die Ältere ...
Silvia Simon: Ja, sehr gerne können wir uns duzen. Das entspricht ohnehin mehr meinem Zugang und auch unserer Unternehmenskultur. Da duzen wir uns alle.
BFGjournal: Du warst am 12. Juni bei der TAXTECH-Konferenz in Wien, um über die Zukunft der digitalen Transformation zu diskutieren. Du signalisiertest mir schon beim KSW-Frühjahrsempfang im April, die Digitalisierung der Steuerberaterbranche ließe sich nicht mehr aufhalten. Wie ist nun der Stand bei KI und Tax?
Silvia Simon: Die ganze Branche ist hier mitten in einem Wandel und der Einsatz von KI ist eine strategische Entscheidung. Es gilt aber, den Menschen auf den Wandel vorzubereiten und für die Veränderungen zu begeistern. Wir können noch nicht abschätzen, wohin die Reise letztlich geht. Was wir allerdings wissen, ist, dass die Entwicklung mit unglaublichem Tempo voranschreitet. Wir schließen uns gerne dieser kraftvollen Entwicklung an. Einer unserer Werte ist die Offenheit, das heißt wir gehen als Unternehmen neugierig an das Thema heran und beschäftigen uns intensiv damit. Wichtig ist, überlegt zu agieren, aber auch spielerisch an das Thema heranzugehen.
Ich persönlich sehe die Entwicklung auch sehr positiv. KI wird die menschliche Expertise nicht ersetzen, aber ergänzen. Nicht umsonst nennt Microsoft sein KI-Programm „Co-Pilot“. Wir werden noch effizienter arbeiten und uns stärker auf die Beratung komplexer Themen fokussieren können. Ich bin davon überzeugt, dass es für die Beratung durch Menschen immer Raum geben wird. Schließlich sind wir alle soziale Wesen und wollen - gerade in unserer Branche - jemanden gegenüber haben, dem wir vertrauen können und der unsere Probleme versteht. Reine Recherchetätigkeit, also, dass ein Klient zum Beispiel einen Überblick über die Judikatur zu einem bestimmten Thema möchte, wird großteils durch KI aufbereitet werden - aber wird das fehlen, sich stundenlang durch Kommentare zu blättern? Wichtig ist, in der Berufsausbildung schon darauf vorzubereiten die Ergebnisse, die KI liefert, kritisch zu hinterfragen und nicht alles für bare Münze zu nehmen.
Ein Thema ist sicherlich auch die Verknüpfung unserer berufsrechtlichen Vorgaben mit KI. Wir arbeiten mit sensiblen Daten und unser Berufsstand hat eine große Verantwortung - sowohl unseren Klientinnen und Klienten als auch der Gesellschaft gegenüber. Hier wird es weitere Regelungen benötigen, die einen Rahmen schaffen. Aber das ist S. 199 so wie bei jeder neuen Entwicklung: Zuerst werden einmal die Möglichkeiten ausgelotet, dann bewusst Grenzen gesetzt, um Transparenz und Sicherheit zu gewährleisten.
Die Herausforderung besteht also letztlich darin, KI verantwortungsvoll und effizient zu integrieren, um sowohl unseren Kundinnen und Kunden, der Branche und unserem Unternehmen einen Mehrwert zu bieten. Und ich bin mir sicher, wenn du mir dieselbe Frage in einem Jahr nochmal stellst, werden wir schon wieder ganz andere Themen haben.
BFGjournal: In einem der Workshops wurde auch das TAX-Cloud-Projekt anhand der Case-Study von EOS Partner präsentiert. Kannst du uns das kurz skizzieren?
Silvia Simon: Wir haben uns vergangenes Jahr dazu entschlossen, zu Microsoft in die Cloud zu gehen, statt in kanzleiinterne Server zu investieren. Das war ein mutiger Schritt, aber dank unserem EDV-Partner Base-IT sind wir nun technisch wieder einen Schritt weiter und absolut zukunftsfit aufgestellt. Das stärkt uns nicht nur als innovatives Unternehmen, sondern macht uns auch zu einem innovativen Arbeitgeber.
Heute nutzen wir zu 100 Prozent Clouddienste - und alle unsere über 100 Mitarbeitenden an den fünf Standorten in Oberösterreich und Wien haben Equipment, mit dem das mit den neuesten Sicherheitsstandards auch möglich ist. Die Vorteile liegen auf der Hand: Standortübergreifendes Arbeiten funktioniert besser, wir sind um ein Vielfaches beweglicher. Schließlich heißt einer unserer Werte Einsatzfreude - dazu gehört eine technische Ausstattung, die sie ermöglicht.
BFGjournal: Die digitale Arbeitswelt verändert die Rahmenbedingungen und die Organisationsformen in Unternehmen. Welche Auswirkungen haben sie auf die Steuerberatungskanzleien? Betrifft es auch die Führungskräfte?
Silvia Simon: Nicht nur die digitale Arbeitswelt verändert Organisationen, auch die demografische Entwicklung im Ganzen. Wenn überall Fachkräfte gesucht werden, werden auch die Führungskräfte nicht mehr. In Zeiten von New Work und New Leadership benötigen wir auch in der Steuerberatung neue Formen der Zusammenarbeit. Hier hat uns vor drei Jahren das Buch von Fréderic Laloux „Reinventing Organisations“ einen wertvollen Denkanstoß geliefert.
Seither sind wir auf dem Weg zu einer „selbstführenden Organisation“ - ein weiterer Schritt in ein mutiges Morgen. In unserer selbstführenden Organisation hat jede und jeder die Möglichkeit, seine Fähigkeiten vollständig einzubringen - alle werden gebraucht. Ein zentrales Element: die Verteilung von Führungsaufgaben auf viele Mitarbeitende. Nehmen wir als Beispiel das Recruiting. Das Bewerbungsgespräch führt nicht die jeweilige „Führungskraft“, sondern die künftigen Kolleg:innen - sie entscheiden, ob die Person ins Team passt. Letztlich muss auf dieser Ebene die Chemie stimmen. Es sind ja auch die Personen, die im Arbeitsalltag ständig aufeinandertreffen und gemeinsam an EOS Partner arbeiten.
Wandel kommt von innen - und er ist ein fortlaufender Prozess, in den Rolleninhaber:innen innerhalb eines abgesteckten Rahmens hineinwachsen dürfen. Wenn langjährige Mitarbeitende in die Verantwortung für ihre Gruppe gehen und dabei aufblühen, dann bin ich davon überzeugt, dass die „klassische“ Pyramide mit der damit einhergehenden starren Hierarchie ausgedient hat.
BFGjournal: In unserem letzten Gespräch hast du erwähnt, dass du dich außerdem mit dem Thema „Achtsamkeit“ und der japanischen Lebensphilosophie „Ikigai“ beschäftigst. Auf der EOS Partner-Website fand ich dazu sehr interessante Hinweise. Ich würde sagen, EOS Partner zeigt eine neue Arbeits- und Unternehmenskultur. Wie kam es dazu und kannst du diese näher erklären?
S. 200 Silvia Simon: Das Tempo in der Gesellschaft und auch die Aufgeregtheit nehmen zu. Die Beschäftigung mit Achtsamkeit war nach Corona unsere Antwort darauf, dass es in Zeiten von VUCA und BANI einen Gegenpol braucht. Seither finden wir uns als gesamte Kanzlei einmal jährlich zu unseren Achtsamkeitstagen zusammen. Immer unter einem anderen Motto und unter professioneller Anleitung - heuer ging es um den „Umgang mit starken Emotionen“. Denn ein Element der selbstführenden Organisation ist es, den Menschen als Ganzes zu sehen. Wir sind im beruflichen Alltag kein „anderer Mensch“ als privat. Und wir sind nur dann auf Dauer in unserer Mitte, wenn wir authentisch sein dürfen. Dazu braucht es neue Spielregeln und ein neues Miteinander - etwa, wie wir miteinander kommunizieren.
Und weil du Ikigai angesprochen hast: Es kommt aus dem Japanischen und setzt sich aus den Wörtern IKI = Leben und GAI = Sinn zusammen. Es steht also dafür, den Sinn des Lebens zu finden, indem wir unsere eigenen Talente und Leidenschaften, Charakterzüge und Anlagen erkennen, annehmen und zur Entfaltung bringen. Gerade in unserer Branche, die ja naturgemäß geprägt ist von Zahlen und Fakten, ist es mir daher wichtig, auch eine andere Ebene, nämlich die der Empathie, nicht zu kurz kommen zu lassen. Empathie verstehe ich dabei als offenes Zuhören und ist für mich nicht mit inhaltlicher „Weichheit“ gleichzusetzen oder zu verwechseln. Man kann empathisch sein, aber dennoch die Dinge beim Namen nennen.
BFGjournal: Das führt mich schon zum nächsten Thema: Frauen in der Berufswelt. Der Schritt von Berufsanwärterinnen zu Steuerberaterinnen und weiter zu Partnerinnen in großen Steuerberatungsunternehmen ist noch immer nicht selbstverständlich. Zwar ermöglicht Digitalisierung mobiles Arbeiten und damit mehr Flexibilität, Beruf und Familie zu vereinbaren, dennoch liegt meist die Hauptlast noch immer bei den Müttern. Was ist noch notwendig oder was rätst du Müttern, sich dennoch für eine Karriere zu entscheiden?
Silvia Simon: Das ist für mich ein Herzensthema. Mein Rat an junge Frauen in unserer Branche ist, sich mit ihren Zielen in Sachen Beruf schon früh, also vor der Familienplanung, mit ihrem Lebenspartner auseinanderzusetzen, um gemeinsam ein Modell zu bauen, mit dem beide auch ihre beruflichen Ziele verfolgen können. Wichtig ist aus meiner Sicht, sich möglichst breit aufzustellen, um flexibel sein zu können, wenn es notwendig ist. Eine Familiengründung sollte für beide Elternteile im Idealfall eine Erweiterung und Bereicherung des Lebens sein und möglichst wenig „Cut“ für den bisherigen beruflichen Werdegang. So lange das noch keine Selbstverständlichkeit ist, müssen wir uns - auch als Branche - dafür einsetzen, wo wir können: seien es flexible Arbeitszeiten oder bezahlbare und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung. Es sollte keine Entscheidung zwischen entweder Karriere oder Familie sein, sondern eine Frage der Balance der beiden Lebensrealitäten.
Dennoch ist alles unter einen Hut zu bekommen oft anstrengend, das darf man nicht verleugnen. Mir hat - natürlich neben meinem Lebensgefährten - dabei ein großes Netz an Personen geholfen, die mit mir am selben Strang ziehen. Nicht wegzudenken war unsere kanzleieigene Tagesmutter, dazu noch die Krabbelstube, Großeltern, Nachbarn und Freunde. Meine Nachbarn habe ich zB auch gerne bekocht als Dankeschön, wenn sie mal eingesprungen sind und die Kinder aus dem Kindergarten oder der Schule abgeholt haben. Mir war immer wichtig, dass auch noch Zeit bleibt für einen Beruf, bei dem ich auch Verantwortung übernehmen kann. Ich bin Vorbild für meine Kinder und möchte ihnen daher zeigen, wie lustvoll das ist. Die Investition in die Ausbildung zur Steuerberaterin braucht viel Zeit und Muße und ich hätte es schade gefunden, wenn dieses erarbeitete Wissen dann nicht dauerhaft in die Praxis umgesetzt wird. Meine Kinder sind inzwischen aus dem Gröbsten heraus, und ich möchte anderen Frauen Mut machen, diesen Weg ebenfalls zu gehen. Es ist möglich und es lohnt sich.
BFGjournal: Ich komme schon zu meiner letzten Frage. Du bist Mitglied der Prüfungskommission. Wie siehst du diese Rolle? Welche Aufgaben sind damit verbunden?
S. 201 Silvia Simon: Es geht mir einerseits darum, den Nachwuchs für unseren Berufsstand zu fördern, andererseits will ich meinen Beitrag leisten, auch den Qualitätsanspruch hochzuhalten. Unser Berufsstand steht aus meiner Sicht für Verantwortung und Zuverlässigkeit und das muss stets gewährleistet sein. Gleichzeitig geht die Branche auch den Weg der Digitalisierung. So wurden zB die schriftlichen Klausuren auf ein digitales Format umgestellt. Hier ist die Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen immer bestrebt, Verbesserungen herbeizuführen, zB wenn es darum geht, Erfahrungswerte aus den bisherigen Klausuren zu sammeln und zu evaluieren, wo man noch etwas anders machen könnte.
Auch hier geht es wieder um die Balance: den Zugang zum freien Beruf attraktiv zu gestalten und die Prüfungen schaffbar zu machen, sodass gerne jemand diesen Weg einschlagen will. Andererseits muss in unserem Beruf eine hohe Qualität erhalten bleiben. Bei der mündlichen Prüfung sind die Kandidat:innen im Regelfall am Zenit ihres fachlichen Wissens und das macht in den meisten Fällen viel Freude. Der schönste Moment bei einer mündlichen Prüfung ist der, wenn die Kandidatin oder der Kandidat sein Wissen mit der Prüfungskommission teilt und man miterleben kann, wie ein langer Weg des Lernens und vor allem des Durchhaltevermögens seinen Abschluss findet. Das ist ein Moment des Stolzes und der Erleichterung, bei dem ich immer wieder gerne dabei bin.
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1) Mein Ziel für heuer ist ... ... ein Roadtrip mit meiner Familie durch Südschweden. 2) Was gefällt dir besonders an deiner Arbeit? Das gemeinsame Arbeiten im Team und die Kreativität - gerade letzteres wird in der Steuerberaterbranche oft unterschätzt. 3) Welches Buch (oder E-Book) hast du zuletzt gelesen? „New Work needs Inner Work - ein Handbuch für Unternehmen auf dem Weg zur Selbstorganisation“ von Joana Breidenbach und Bettina Rollow. 4) Welche sozialen Medien nutzt du? Was sind deine Lieblingspodcasts? Hast du einen Blog? Ich würde sagen, ich nutze alle Kanäle gemischt (LinkedIn, Instagram, Facebook, Tiktok). Podcasts am liebsten mit frischem Input zu Themen, mit denen ich sonst im Alltag nichts zu tun habe, zB Gerichtsmedizin (Klenk + Reiter). 5) Nach der Arbeit ... ... findet man mich beim Singen im Chor oder beim Plaudern mit den Nachbarn auf unserem „Siedlungsbankerl“. |