Besitzen Sie diesen Inhalt bereits,
melden Sie sich an.
oder schalten Sie Ihr Produkt zur digitalen Nutzung frei.
Workshop ‚Institutional Framework for the Carbon Market: Can Financial Markets and Institutions be a Model?’
Am fand der Workshop „Institutional Framework for the Carbon Market: Can Financial Markets and Institutions be a Model?“ in den Räumlichkeiten des Instituts für Banken und Finanzierung (i:bf) der Universität Graz statt. Der Workshop wurde im Zuge des aus Mitteln des Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank finanzierten Projektes „Institutional Framework for a Global Carbon Market: Lessons from Financial and Commodity Markets“ abgehalten und stellte das Vorprogramm zum Jubiläumsworkshop der Austrian Working Group on Banking and Finance am 26. und dar.
Im Rahmen der Arbeitstagung wurden aktuelle Problemstellungen rund um das Europäische Emissionshandelssystem (EU ETS) erörtert, welches seit 2005 operational tätig ist und das zentrale Marktinstrument der EU zur Verringerung des CO2-Ausstoßes innerhalb der Union darstellt. Erste Erfahrungen mit dem EU ETS zeigen, dass der CO2-Markt äußerst sensibel auf Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen reagiert, weshalb Themen der Marktregulierung – sei es hinsichtlich Marktzugang, Preisregulierung oder Marktaufsicht – unter Einbeziehung möglichst vieler beteiligter Parteien debattiert und umsichtig durchgeführt werden müssen. Vor diesem Hintergrund befasste sich der vom i:bf in Kooperation mit dem Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel (ebenfalls Universität Graz) abgehaltenen Workshop mit dem zentralen Thema möglicher regulatorischer Markteingriffe sowie der Rolle von CO2-Preisen für Investitionsentscheidungen, jeweils aus Sicht der Wissenschaft, der regulierten Industrie und der Finanzintermediäre.
Die Reihe der wissenschaftlichen Vorträge wurde von Barbara Buchner (Climate Policy Initiative, Venedig) eröffnet, die zum Thema „Is there a need for more market oversight and regulation in the EU ETS?“ referierte. Buchner, die bis 2008 als Senior Analyst bei der Internationalen Energieagentur (IEA) tätig war, betonte in ihrem Vortrag, dass das EU ETS zum aktuellen Zeitpunkt als Erfolg zu werten sei. Auf diesem Weg entwickelte sich ein Markt für CO2-Emissionszertifikate, auf dem verschiedenste Akteure interagieren. Zudem minderten Firmen ihren Ausstoß an Emissionen aufgrund des neu gebildeten CO2-Preises. Der weitere Erfolg des EU ETS ist laut Buchner eng an die Glaubwürdigkeit und Langzeitperspektive des Systems geknüpft. Preisregulierungsmaßnahmen sind aus dieser Perspektive zu verwerfen. Das Hauptaugenmerk sollte auf robuste Emissionsreduktionsziele, effektives Monitoring, Reporting and Verification, sowie Flexibilität über die Anpassungsmöglichkeiten für Firmen gelegt werden.
Der zweite Vortrag wurde von Stefan Schleicher (Wegener Zentrum und WIFO) gehalten. Unter dem Titel „The role of CO2prices for low-carbon technologies: empirical evidence from EU ETS“ sprach sich Schleicher für eine breitere europäische Klimapolitik aus, die sich nicht nur auf die Erreichung von Emissionszielen beschränken solle, sondern auch aktive Technologiepolitik betreiben müsse. Bisher bewirkte das EU ETS als das zentrale umweltpolitische Instrument der EU zur Verringerung der CO2-Emissionen noch keine Veränderungen im Investitionsverhalten der im ETS erfassten Unternehmen. Ein Emissionshandelssystem besitzt laut Schleicher seinen Platz in einer europäischen Klimapolitik, muss jedoch in ein größeres Konzept zum Technologiewandel eingebettet werden. Auf diesem Weg müssen jedoch noch einige Schwierigkeiten des EU ETS gelöst werden. So ist die politische Festsetzung eines ambitionierten Emissionsreduktionspfades bis 2050 unumgänglich. Ebenso soll strategisches Handeln am CO2-Markt eingedämmt und das Emissionshandelssystem gegen Wirtschaftskrisen resistent gemacht werden.
Im letzten Vortrag des ersten Blocks präsentierte Michael Loretz (Universität Graz) erste Forschungsergebnisse zum Thema „A real option based approach for CO2price management“, an dem gemeinsam mit Roland Mestel und Stefan Palan (beide i:bf) derzeit gearbeitet wird. Loretz warf dabei die Frage auf, ob durch die Einführung einer Preisuntergrenze für CO2-Zertifikate die Investitionsentscheidung bezüglich einer „sauberen“ Technologie eines Unternehmens vorverlegt werden könnte. Dahinter steht die auch von Schleicher implizit gestellte Frage, ob und wie ein Regulator imstande ist, durch preisregulierende Eingriffe aktive Technologiepolitik zu betreiben. Das Problem des optimalen Investitionsentscheidungszeitpunktes ist dabei als amerikanische Option zu sehen und kann mittels stochastischer Optimierung gelöst werden.
Die zweite Session des Workshops wurde von Stefan Ulreich (E.ON Energy Trading, Düsseldorf) eröffnet. Sein Vortrag trug den Titel: „The role of the CO2price for investment decisions in the energy markets“. Darin betonte Ulreich zunächst die tragende Rolle, die fossilen Brennstoffen auch in Zukunft bei der Energieerzeugung zukommen wird. Aus geopolitischen, aber auch ökonomischen Gründen ist vor allem Kohle als Energieträger in den kommenden Dekaden nur schwer durch andere Technologien substituierbar und macht deshalb Investitionen in Carbon Capture and Storage-Technologien unerlässlich. Ein weiterer, von Ulreich erarbeiteter Punkt war die Feststellung, dass Investitionen in CO2-arme Energieproduktionsmethoden ein differenziertes Risiko- und Belohnungssystem aufweisen. Hohe „capex“ (Investitionsaufwände) und geringere „opex“ (Betriebsaufwände) für „green investments“ im Energiesektor bewirken, dass robuste langfristige Klimaziele und Rahmenbedingungen überdurchschnittlich stark in neue Investitionsentscheidungen einfließen. Das Rahmenwerk des EU ETS liefert dabei laut Ulreich dem Energiesektor in diesem Kontext noch keine Impulse, seine langfristigen Investitionsstrategien zu ändern.
Anschließend sprach Nicolas Stephan (CDC Climat Research, Paris) über „Managing carbon markets: Lessons from commodity markets“. Empirische Analysen über die Entwicklung des CO2-Preises während der derzeit laufenden 2. Phase des EU ETS zeigen nur geringfügige Abweichungen zum Verlauf anderer Energiepreise. Sowohl relative Änderungen als auch die Volatilität des CO2-Preises sind vergleichbar mit anderen Preisverläufen auf Energiemärkten. In der Gesamtheit kann gesagt werden, dass sich der europäische CO2-Markt trotz Weltwirtschaftskrise als „reifer Markt“ etabliert hat. Allerdings hielt Stephan fest, dass die zukünftige CO2-Preisentwicklung im Gegensatz zu anderen Gütermärkten stark von politischen Regulierungsmaßnahmen abhängig bleiben wird.
Der letzte Vortrag des zweiten Workshop-Blocks wurde von Claire Dufour (BlueNext, Paris) zum Thema „RegulatingS. 256carbon markets: The view of a carbon exchange“ gehalten. Dufour betonte, dass das Regelwerk des EU ETS betreffend Regulierung und Marktaufsicht noch unvollständig sei. So unterliegen Teile des Spot- bzw. Derivatehandels und die Geschäfte von nichtfinanziellen Sektoren noch keiner Regulierung. Um diese Lücke zu schließen, müsse die Kompetenz bestehender Institutionen erweitert und den Eigenheiten des Marktes angepasst werden. Definitive regulatorische Rahmenbedingungen, die auf schnellstem Wege geklärt werden müssen, beziehen sich auf das Emissionsreduktionsziel bis zum Jahr 2020 (Emissionsziel –20 versus –30%) und die Implementierung der Auktionsrichtlinie für die 3. Handelsphase.
Den Workshop beendete eine Podiumsdiskussion, in deren Verlauf die Referent-Innen Barbara Buchner, Claire Dufour, Stefan Schleicher und Stefan Ulreich Ideen zu den Themen Sinnhaftigkeit des EU ETS und Marktmanipulation mit den übrigen WorkshopteilnehmerInnen diskutierten. Unisono wurde dabei festgehalten, dass das EU ETS seinen Zweck mehrheitlich erfüllt, jedoch nicht allen ursprünglich in den Markt gesteckten Hoffnungen gerecht wird, insbesondere im Hinblick auf technologischen Wandel. Als die beiden Trümpfe des europäischen CO2-Marktes wurden die Gewährleistung kostengünstiger Minderungsmaßnahmen sowie das Bewusstwerden von CO2-Emissionen im Produktionsprozess hervorgehoben. Einig waren sich die Referentinnen und Referenten schließlich darüber, dass das EU ETS auch zukünftig eine zentrale Rolle in der europäischen Klimapolitik einnehmen wird. Jedoch muss die Klimapolitik breiter gedacht werden und unter anderem innovative Finanzierungsmethoden beinhalten, um langfristige Investitionen (etwa in emissionsarme Kraftwerke, in die thermische Sanierung von Gebäuden etc.) erschwinglich zu machen. Bedenken hinsichtlich Marktmanipulation durch einzelne Teilnehmer im Markt sind dabei, ebenso wie auf anderen Finanzmärkten, ein ernstzunehmender Punkt.
Projektleiter Prof. Roland Mestel (i:bf) konnte insgesamt ein sehr positives Resümee über den Workshop ziehen und versprach – dem Wunsch zahlreicher WorkshopteilnehmerInnen entsprechend –, dieser Veranstaltung in Hinkunft weitere zum Thema CO2-Märkte und die dabei wichtige Rolle der Finanzindustrie folgen zu lassen.