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Praxisbeispiel Wirtschaftsmediation
Wie eine faire Aufteilung vieler Jahre gemeinsamer Arbeit gelingen kann
Mediation ist Prozessberatung; Steuer- oder Rechtsberatung sind Fachberatungen. Mediatoren haben die Aufgabe, ihre Klienten im Prozess ihrer Lösungsfindung zu begleiten. Sie sind verantwortlich für den Prozess, während die Klienten für die Inhalte und die Lösung verantwortlich bleiben. Fachberater haben die Aufgabe, nach den Vorgaben ihrer Klienten wirtschaftlich und rechtlich haltbare Lösungsvorschläge zu erarbeiten und entsprechende Verträge zu erstellen. Die Trennung von Prozess- und Fachberatung hat sich insbesondere in komplexen und/oder verfahrenen Situationen bewährt und Lösungen ermöglicht, die zielgerichtet auf die Bedürfnisse der Parteien eingehen und rechtlich haltbar sind. Das leistet Wirtschaftsmediation.
1. Ausgangslage
Ein Ehepaar, das über 20 Jahre verheiratet war, wobei der Großteil der Zeit in den Aufbau der gemeinsamen Firma investiert wurde, findet sich vor Gericht wieder. Die Ehe ist in die Brüche gegangen, Versuche, unternehmerisch beisammen zu bleiben, haben die Firma ausgeblutet und sowohl bei den beiden Ex-Partnern als auch bei den Mitarbeitern tiefe Wunden und Gräben hinterlassen. Klage und Gegenklage sind eingebracht. Die Richterin erwähnt in der ersten Tagsatzung Mediation und informiert die Parteien, dass gemäß § 22 Zivilrechts-Mediations-Gesetz (ZivMediatG) der Beginn und die gehörige Fortsetzung einer Mediation Verjährung sowie sonstige Fristen zur Geltendmachung von Rechten und Ansprüchen hemmen. Nach Abstimmung mit ihren Anwälten entschließt sich das Ex-Paar, Mediation zu versuchen.
2. Der Mediationsprozess
In den ersten beiden Sitzungen geht es sehr stark um wirtschaftliche Themen: Arbeitseinsatz beider in den letzten 20 Jahren, eine entsprechende Aufteilung des Unternehmenswertes, des gemeinsamen Verrechnungskontos und gemeinsam angeschaffter Vermögenswerte. Die Gesprächsrunden sind emotional sehr aufgeladen. Die Mediation gibt Emotionen den notwendigen Rahmen, die Mediatorinnen strukturieren darüber hinaus die Gespräche, achten auf die Gesprächsbasis und Gesprächskultur, um die Parteien dabei zu unterstützen, Verständnis für die Sicht des anderen zu bekommen. Es geht darum, ihre und seine Sichtweise nachvollziehen zu können, ohne die eigene Sichtweise aufgeben zu müssen. Das richtige Herantasten an das Prinzip „Verstehen heißt noch nicht einverstanden sein“ ermöglicht wesentliche Schritte in Richtung einer für beide Seiten akzeptablen Lösung.
Zur Wiedererlangung eines klareren Bildes der gemeinsamen wirtschaftlichen Historie schlagen die Mediatorinnen den Konfliktparteien vor, einen Fachexperten hinzuzuziehen. Der gemeinsame Steuerberater, der sowohl das Ex-Ehepaar als auch das Unternehmen betreut, soll helfen, die wirtschaftliche Faktenlage transparent und für alle Beteiligten sichtbar aufzurollen. Außerdem kann er die finanzielle Situation des Unternehmens und der Beteiligten – und damit die wirtschaftliche Umsetzbarkeit von Lösungsoptionen – gut beurteilen. Der Vorschlag wird angenommen und stellt sich als sehr hilfreich heraus: Mit faktenbasierter Unterstützung des Steuerberaters gelingt es, gemeinsam einen roten Faden über die Historie zu spannen. Hintergrundüberlegungen zu privaten Investitionen und Beteiligungsverhältnissen werden transparent. Rolle der Mediatorinnen ist es in dieser für die Parteien sehr emotionalen Situation, immer wieder eine konstruktive Gesprächsbasis herzustellen. Verbale und emotionale Ausflüge in Bereiche, die zur Paarberatung gehören, werden offen angesprochen. Das hilft den beiden, das Wirtschaftliche und Private besser auseinander halten zu können und ihr gemeinsames Ziel („eine wirtschaftlich faire Trennung, bei der nur einer im Unternehmen verbleibt“) im Auge zu behalten.
Die grafische Darstellung dessen, was die Parteien finanziell und in Form von Arbeitskraft eingebracht haben, auf der einen Seite sowie dessen, was an gemeinsamen Werten geschaffen wurde (Immobilien, Ersparnisse und Firmenwert), auf der anderen Seite ermöglicht eine Aufteilung der Werte in einem Verhältnis, das beide als akzeptabel empfinden. Nach Klärung der für beide sehr elementaren Frage des Wertes der eigenen Anteile am gemeinsam geschaffenen Ganzen fällt ihnen die Entscheidung, wer von beiden im Unternehmen verbleiben soll, leicht. Beide sind sich klar, dass das technische Know-how und das Kontaktnetz des Ehemannes für die Zukunft des Unternehmens unverzichtbar sind. Daher soll er das Unternehmen alleine fortführen, während sich seine Ex-Frau anderer Karrierewünsche besinnt, die sie in jungen Jahren hatte und nun verwirklichen möchte. Für die Abgeltungszahlung des Mannes an seine Ex-Frau wird ein vernünftiger Ratenplan erarbeitet, der sowohl dem Unternehmen als auch dem Mann die notwendige Liquidität sichert und auch der Frau einen wirtschaftlichen Neubeginn S. 152ermöglicht. Die Verpflichtung wird mit einer Hypothek abgesichert.
Das Verfahren hat fünf Sitzungen lang gedauert. Die entsprechenden Verträge wurden im Anschluss an das Mediationsverfahren von den Anwälten der Parteien erstellt.
3. Die Erfolgsfaktoren
Dieses Verfahren hatte zwei äußere Faktoren, die mit zum Gelingen beigetragen haben:
Eine Richterin, die die Parteien auf die Möglichkeit von Mediation hingewiesen und die rechtlichen Implikationen dazu erläutert hat.
Die Beiziehung des Steuerberaters als externen Fachexperten, dem beide vertrauen. Dadurch gelang es, eine einheitliche Sicht auf die Fakten wiederherzustellen, diese war aufgrund der privaten Verletzungen und Emotionen davor nicht mehr möglich gewesen. Die Prozessführung der Mediatorinnen hat es dem Steuerberater ermöglicht, sachlich zu bleiben, ohne sich von den immer wieder gestarteten Beeinflussungsversuchen beider Ex-Partner verführen zu lassen.
Das richtige Herantasten an das Prinzip „Verstehen heißt noch nicht einverstanden sein“ ermöglicht wesentliche Schritte in Richtung einer für beide an der Mediation beteiligten Parteien akzeptablen Lösung. Rolle der Mediatorinnen ist es in dieser für die Parteien sehr emotionalen Situation, immer wieder eine konstruktive Gesprächsbasis herzustellen, damit die Parteien ihr gemeinsames Ziel im Auge behalten können. Zum Erfolg der Mediation tragen auch äußere Faktoren bei, wie etwa Richter, die die Parteien auf die Möglichkeit von Mediation hinweisen und die rechtlichen Implikationen erläutern, oder die Beiziehung von Steuerberatern als externe Fachexperten zwecks Wiederherstellung einer einheitlichen Sicht auf die Fakten.

