OGH 29.10.2013, 3Ob167/13z
Rechtssätze
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Norm | |
RS0041331 | Die Voraussetzungen für eine materielle Bindungswirkung liegen unter anderem dann vor, wenn das Begehren das begriffliche Gegenteil des bereits rechtskräftig entschiedenen Anspruches ist. Das Ausmaß der Bindungswirkung wird zwar nur durch den Urteilsspruch bestimmt, doch sind die Entscheidungsgründe zur Auslegung und Individualisierung des rechtskräftig entschiedenen Anspruchs heranzuziehen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Rechtskraftwirkung eines abweisenden Urteils festgestellt werden soll. |
Norm | ZPO §411 Ca |
RS0041357 | Die Rechtskraftwirkung eines Urteils erstreckt sich grundsätzlich nur auf den Spruch. Nur soweit es für die Individualisierung des Anspruches und dessen Tragweite erforderlich ist, sind auch die Entscheidungsgründe heranzuziehen. |
Normen | |
RS0043259 | Das Ausmaß der Bindungswirkung wird zwar nur durch den Urteilsspruch bestimmt, doch sind die Entscheidungsgründe zur Auslegung und Individualisierung des rechtskräftigen Anspruches heranzuziehen. Dies gilt insbesondere, wenn der Umfang der Rechtskraftwirkung des abweisenden Urteiles festgestellt werden soll. |
Normen | |
RS0102102 | Bei der Bindungswirkung handelt es sich nicht um eine neben der Rechtskraft bestehende Urteilswirkung, sondern ebenso wie bei der Einmaligkeitswirkung um einen Aspekt der materiellen Rechtskraft. Eine Heranziehung der Entscheidungsgründe zur Auslegung des Spruchs ist nicht geboten, wenn der Spruch keiner Individualisierung bedarf. Die Grenzen der materiellen Rechtskraft können aus Gründen der "Entscheidungsharmonie" allein nicht ausgeweitet werden. Es ist auch mit dem Gedanken der "Rechtssicherheit" vereinbar, wenn eine für unrichtig erkannte Sachverhaltsgrundlage des Urteils im Vorprozess der Entscheidung im Folgeprozess über weitere Ansprüche des Klägers nicht mehr zugrunde gelegt wird. |
Normen | |
RS0041572 | Eine Bindungswirkung der Vorentscheidung ist nur dann anzunehmen, wenn sowohl die Identität der Parteien als auch des rechtserzeugenden Sachverhalts (verbunden mit notwendig gleicher rechtlicher Qualifikation) gegeben sind, aber an Stelle der inhaltlichen und wörtlichen Identität der Begehren ein im Gesetz gegründeter Sachzusammenhang zwischen beiden Begehren besteht. Ein solcher ist anzunehmen, wenn die Entscheidung über den neuen Anspruch vom Inhalt der bereits rechtskräftig entschiedenen Streitsache abhängig ist (Präjudizialität der rechtskräftigen Entscheidung) oder wenn das Begehren das begriffliche Gegenteil des rechtskräftig entschiedenen Anspruches darstellt. Die Lehre, dass nicht Identität, sondern der teleologische Sinnzusammenhang die Rechtskraftwirkung objektiv begrenze, hat sich in der Rechtsprechung nicht durchgesetzt (Fasching III, 705 ff). |
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RS0041157 | Auch mangels Identität des Begehrens kann ein Urteil eines Vorprozesses zufolge seiner materiellen Rechtskraft zur inhaltlichen Bindung des später entscheidenden Gerichtes führen, insbesondere wenn Parteien und rechtserzeugender Inhalt identisch sind und beide Prozesse in einem so engen inhaltlichen Zusammenhang stehen, dass die Gebote der Rechtssicherheit und der Entscheidungsharmonie eine widersprechende Beantwortung derselben in beiden Fällen entscheidenden Rechtsfrage nicht gestatten. |
Normen | ZPO §224 Abs1 Z4 ZPO §502 Abs4 ZPO §502 Abs5 Z1 K EO §35 D JN §49 Abs2 Z2 JN idF BGBl I 2003/112 §49 Abs1 Z2 |
RS0046467 | § 49 Abs 2 Z 2 JN erfasst alle Rechtsfragen des gesetzlichen Unterhaltsrechts. |
Normen | |
RS0039347 | Der gleiche Streitgegenstand liegt nur vor, wenn der in der neuen Klage geltend gemachte prozessuale Anspruch sowohl hinsichtlich des Begehrens als auch des rechtserzeugenden Sachverhaltes, also des Klagsgrundes, ident ist mit jenem des Vorprozesses. |
Norm | ZPO §411 Ba |
RS0041205 | Die Bindungswirkung einer rechtskräftigen Entscheidung äußert sich dahin, dass das Gericht zwar über das zweite Begehren mit Sachentscheidung abzusprechen, dabei aber die rechtskräftige Entscheidung zugrundezulegen hat. |
Normen | |
RS0001674 | Nach Lehre und herrschender Rechtsprechung greift das den Einwendungen nach § 35 EO stattgebende Urteil den Anspruch selbst an, es wirkt daher nicht nur für die Anlassexekution, sondern über diese hinaus. Es bewirkt eine Änderung des im Exekutionstitel verankerten materiellen Rechts. Die Einstellung der Anlassexekution nach § 35 Abs 4 EO ist nur die Folge des dem Klagebegehren stattgebenden Urteils, nicht aber der alleinige Zweck der Klage (Heller-Berger-Stix S 405 f mit ausführlichen Hinweis auf das weitere Schrifttum und die Rechtsprechung; siehe weiters EvBl 1969/380; EvBl 1970/135 ua). |
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RS0001652 | Ein über eine Oppositionsklage ergehendes Urteil, dass ein bestimmter Anspruch erloschen sei, hat die gleiche Wirkung - insbesondere auch Rechtskraftwirkung - wie ein Feststellungsurteil. |
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RS0041321 | Infolge der Rechtskraftwirkung der Vorentscheidung ist die Berufung auf Tatsachen, die bei Schluss der Verhandlung erster Instanz im Vorprozess schon existent waren, aber nicht vorgebracht wurden, im Folgeprozess ausgeschlossen. |
Normen | |
RS0041567 | 1) Die Bindungswirkung der Entscheidung (Ausschluss der Verhandlung, Beweisaufnahme und neuerliche Prüfung eines rechtskräftig entschiedenen Anspruches bei der Entscheidung über ein neues, begrifflich aber untrennbar mit dem Inhalt der rechtskräftigen Vorentscheidung zusammenhängendes Klagsbegehren), beschränkt sich als Folge der Rechtskraft grundsätzlich auf die Parteien und den "geltend gemachten Anspruch", über den im Urteil entschieden wurde. 2) Soweit die beiden Begehren nicht identisch oder ihre bloße Negation sind, muss wenigstens Präjudizialität derart vorliegen, dass der rechtskräftig entschiedene Anspruch eine Vorfrage, also das bedingende Rechtsverhältnis für den neuen Anspruch ist, sodass über den neuen Anspruch nur dann entschieden werden kann, wenn gleichzeitig als Voraussetzung hiefür über den rechtskräftig entschiedenen Anspruch erkannt wird. |
Normen | |
RS0036744 | Ein neues Vorbringen ist durch die Rechtskraft dann nicht präkludiert, wenn es mit dem Prozessstoff des ersten Rechtsstreites nicht im Zusammenhang steht. |
Normen | |
RS0106966 | Einem in einem Vorprozess auf Grundlage eines bestimmten rechtserzeugenden Sachverhaltes erfolgreichen Anspruch kann in einem Folgeprozess zwischen denselben Parteien nicht mit anspruchsvernichtenden Tatsachen entgegengetreten werden, die in dem für die Vorentscheidung maßgeblichen Zeitpunkt bereits entstanden waren, aber nicht ausgeführt wurden. (Nur) insofern besteht das Prozesshindernis der Rechtskraft. |
Normen | |
RS0001366 | Die Einwendungen gegen den Anspruch müssen hinreichend individualisiert sein und unterliegen der Eventualmaxime. Betrifft die Exekutionsführung und die sie bekämpfende Vollstreckungsgegenklage nur einen Teil der Gesamtjudikatschuld, so darf im Oppositionsprozess nicht auch über die von der Exekutionsführung unberührt gebliebene Restjudikatschuld erkannt werden. |
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RS0001454 | Nach § 35 Abs 1 EO können Einwendungen im Zuge eines Exekutionsverfahrens nur gegen den Anspruch erhoben werden, zu dessen Gunsten die Exekution bewilligt wurde. Maßgeblicher Zeitpunkt ist der Schluss der mündlichen Verhandlung in erster Instanz; spätestens in diesem Augenblick muss die Exekution in Ansehung des nach § 35 EO bekämpften Anspruches bewilligt sein (§ 406 ZPO), widrigens die Klage abzuweisen ist. |
Normen | |
RS0001538 | Die Zulässigkeit der Erhebung von Einwendungen nach § 35 EO setzt das Vorhandensein einer Exekution (Anlassexekution) voraus (§ 35 Abs 1 EO). Die Klage kann sich aber nur gegen den Anspruch richten, zu dessen Hereinbringung die Anlassexekution bewilligt wurde (Neumann-Lichtblau 4. Aufl S 401 f; JBl 1953,489). |
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RS0001660 | Das Urteil im Oppositionsprozess wirkt über den Rahmen der einzelnen Exekution hinaus, die nur Anlass zur Klage gab. Mit der Impugnationsklage nach § 36 EO wird geltend gemacht, dass die Exekutionsbewilligung verfehlt und daher die bewilligte Exekution unzulässig sei. Das Urteil in einem Prozess nach § 36 EO wirkt nur für die betreffende Exekution (SZ 42/32, 3 Ob 97/69). |
Normen | |
RS0120854 | Die Vertauschung der Parteirollen für den Umfang der Rechtskraftwirkung und Bindungswirkung für das Folgeverfahren ist ohne Bedeutung. |
Norm | EO §35 E |
RS0001699 | Das Urteil im Oppositionsprozess entscheidet über den Bestand des Anspruches mit Rechtskraftwirkung. Das Urteil über Einwendungen gegen noch nicht fällige Unterhaltsansprüche erwächst nur vorbehaltlich einer Änderung der Verhältnisse in Rechtskraft. |
Normen | |
RS0041253 | Die Bindungswirkung der Rechtskraft schließt nur die Verhandlung, Beweisaufnahme und neuerliche Prüfung des rechtskräftig entschiedenen Anspruches aus, nicht aber die Verhandlung und Entscheidung über das neue Klagebegehren. |
Entscheidungstext
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Prückner als Vorsitzenden sowie den Hofrat Univ.-Prof. Dr. Neumayr, die Hofrätin Dr. Lovrek und die Hofräte Dr. Jensik und Dr. Roch als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei E*****, vertreten durch Dr. Franz Hitzenbichler Rechtsanwalt in Salzburg, gegen die beklagte Partei Dr. N*****, vertreten durch Hochsteger, Perz, Wallner & Warga Rechtsanwälte in Hallein, wegen Ehescheidung und Unterhalts, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Salzburg als Berufungsgericht vom , GZ 21 R 92/13w-121, womit infolge Berufung der klagenden Partei das Teilurteil des Bezirksgerichts Salzburg vom , GZ 2 C 49/06t-114, bestätigt wurde, zu Recht erkannt und beschlossen:
Spruch
Der Revision wird teilweise Folge gegeben.
Die angefochtenen Entscheidungen der Vorinstanzen werden als Teilurteil bestätigt, soweit damit der Unterhaltsanspruch der Klägerin ab abgewiesen wurde.
Im Übrigen, also zur Abweisung des Unterhaltsanspruchs der Klägerin für die Zeit vom bis werden die Entscheidungen der Vorinstanzen aufgehoben und die Rechtssache zur neuerlichen Verhandlung und Entscheidung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Kostenentscheidung zum Teilurteil bleibt der Endentscheidung vorbehalten. Im Übrigen sind die Kosten des Revisionsverfahrens weitere Verfahrenskosten.
Text
Entscheidungsgründe:
Gegenstand des vorliegenden, am von der Ehefrau eingeleiteten Prozesses ist neben der Scheidung der am geschlossenen und kinderlos gebliebenen Ehe der Streitteile die Verpflichtung des Ehemanns zur Leistung von Ehegattenunterhalt (zuletzt [S 4 der ON 33]: 2.500 EUR ab bis , 3.000 EUR ab bis zur Rechtskraft des Scheidungsurteils). Dieser verpflichtete sich mit am im Provisorialverfahren geschlossenen Vergleich, an die Ehefrau ab einen vorläufigen monatlichen Unterhalt von 1.805 EUR zu bezahlen.
Über Antrag der Ehefrau wurde mit Beschluss des Erstgerichts vom (berichtigt am ) die Gehaltsexekution zur Hereinbringung eines Unterhaltsrückstands von 862,23 EUR samt 4 % Zinsen seit sowie des laufenden Unterhalts ab von monatlich 1.805 EUR bewilligt.
Der Ehemann stützte seine am eingebrachte Oppositionsklage, deren Begehren darauf abzielte, dass der Anspruch der Ehefrau aus dem Unterhaltsvergleich erloschen sei, zusammengefasst auf eine Unterhaltsverwirkung iSd § 94 Abs 2 Satz 2 ABGB: Die Ehefrau habe in dem gegen ihn geführten Strafverfahren vor dem Landesgericht Salzburg (31 Hv 139/07k), bezogen auf einen Vorfall am , unrichtig ausgesagt. Sie habe in Schädigungsabsicht Verletzungshandlungen des Ehemannes geschildert, die dieser nicht begangen habe und Verletzungen behauptet, die nicht vorgelegen und im Strafverfahren auch nicht objektiviert worden seien. Die Ehefrau habe offensichtlich auch ihr Umfeld - insbesondere ihren Bruder und ihre Schwester - massiv beeinflusst. Sie habe die im Strafverfahren erhobenen, unrichtigen Behauptungen auch gegenüber mehreren Dritten verbreitet. Sie habe daher nicht nur den Tatbestand der Verleumdung und der falschen Zeugenaussage zu verantworten, sondern auch den Umstand, dass sie den Ehemann, der den Beruf des Arztes ausübe, eines ehrlosen Verhaltens bezichtigt und dadurch seinem Ansehen schwer geschadet habe.
Die Ehefrau wendete im Wesentlichen dagegen ein, dass die von ihr im Strafverfahren abgelegte Aussage richtig gewesen sei.
Das Erstgericht gab dem Oppositionsklagebegehren im zweiten Rechtsgang (Schluss der Verhandlung am ) mit seinem Urteil vom statt. Der Spruch dieser Entscheidung lautet: „Der Anspruch der [Ehefrau] aus dem Vergleich vom , zu dessen Hereinbringung zu 7 E 193/09s des BG Salzburg mit Beschluss vom (berichtigt mit Beschluss vom ) die Exekution bewilligt wurde, ist erloschen.“
Das Berufungsgericht gab der dagegen von der Ehefrau erhobenen Berufung Folge und änderte das Ersturteil im Sinne einer Abweisung des Oppositionsbegehrens ab.
Der dagegen vom Ehemann erhobenen außerordentlichen Revision gab der Oberste Gerichtshof zu AZ 3 Ob 192/11y durch Aufhebung in die zweite Instanz Folge. Ausgehend von den Tatsachenfeststellungen des Erstgerichts sei es dem Ehemann gelungen, eine besonders schwerwiegende, das Maß schwerer Eheverfehlungen iSd § 49 EheG übersteigende Eheverfehlung gegen den Ehemann nachzuweisen. Die Ehefrau habe nicht nur durch die massiv übertriebenen Vorwürfe bei ihrer Aussage gegen den Ehemann gewichtige Anschuldigungen in den Raum gestellt und diesen dadurch einem langwierigen Strafverfahren ausgesetzt; sie habe überdies nach den Feststellungen die Anschuldigungen aus Rache bzw feindlicher Einstellung gegenüber dem Ehemann erhoben und die auch Dritten gegenüber geäußerten übertriebenen Vorwürfe bewusst zur Rufschädigung des Klägers eingesetzt, die auch in gewissem Umfang eingetreten sei; die übertriebenen Anschuldigungen hätten auch als Argumente für die anhängigen zivilgerichtlichen Verfahren gedient. Da überdies feststehe, dass der Ehemann, der an einer Deeskalation interessiert gewesen sei, diese Vorgehensweise der Beklagten nicht veranlasst habe - der Hinweis in der Revisionsbeantwortung auf den „langjährigen Psychoterror“, dem die Ehefrau ausgesetzt gewesen sein solle, sei mit den Feststellungen nicht in Einklang zu bringen - müsste die Verwirklichung des Oppositionsgrundes bejaht werden. Dass die Ehefrau in dem gegen sie geführten Strafverfahren freigesprochen wurde, habe auf diese Beurteilung keinen Einfluss: An ein freisprechendes Strafurteil sei der Zivilrichter nicht gebunden. Da das Berufungsgericht die Tatsachenrüge der Ehefrau (Beweisrüge zu den entscheidungserheblichen Feststellungen; Verfahrensrüge) nicht behandelt habe, bedürfe es deren Erledigung. Ein Eingehen auf das Vorbringen in der Revisionsbeantwortung, dass die vom Ehemann in der Oppositionsklage ebenfalls begehrte Feststellung, dass der Unterhalt der Ehefrau „insgesamt erloschen“ sei, nicht Gegenstand des Oppositionsstreits sein könne, erübrige sich, weil das Erstgericht - vom Ehemann ungerügt - nur ausgesprochen habe, dass der Anspruch der Ehefrau aus dem Unterhaltsvergleich erloschen sei. Das darüber hinausgehende Begehren des Ehemanns sei daher aus dem Verfahren ausgeschieden.
Mit Urteil vom entschied das Berufungsgericht neuerlich und gab der Berufung nach Verwerfung der Beweis- und Mängelrügen in der Hauptsache nicht Folge, bestätigte also das klagestattgebende Ersturteil.
Die dagegen von der Ehefrau erhobene außerordentliche Revision wies der Oberste Gerichtshof mit Beschluss vom zu AZ 3 Ob 142/12x zurück.
Auf diesen Umstand wies der Beklagte im vorliegenden Prozess hin (ON 105). Es gelte daher als festgestellt, dass der Anspruch der Klägerin auf Unterhalt verwirkt sei, worüber ein Zwischenurteil zu fällen sei.
Dem trat die Klägerin mit umfangreicher inhaltlicher Bestreitung des Vorwurfs Verwirkungshandlungen gesetzt zu haben samt Beweisanbot entgegen (ON 106). In der Streitverhandlung vom , ON 109, brachte sie ergänzend vor, sie sei aus Verschulden des Beklagten in einer psychisch beeinträchtigten Situation und belastet gewesen; eine übertriebene Darstellung von Misshandlungen, die in den Vorprozessen als feststehend angenommen worden seien, wäre nur darauf zurückzuführen, dass der Beklagte die Klägerin in eine psychische Notsituation gebracht habe. Er habe ihr auch Medikamente („Xanor“) verschrieben, die zu ihrer psychischen Abhängigkeit von Medikamenten geführt hätten; die ihr zur Last gelegte übertriebene Schilderung von vom Beklagten getätigten Misshandlungen sei der Klägerin daher gar nicht vorwerfbar.
Das Erstgericht wies mit Teilurteil das Unterhaltsbegehren für die Zeit vom bis zur Rechtskraft der Scheidung ab. Sowohl im Oppositionsprozess als auch im vorliegenden Verfahren sei die entscheidende Rechtsfrage gewesen, ob die Klägerin ihren Unterhaltsanspruch gegen ihren Ehemann verwirkt habe. Das sei im Oppositionsprozess rechtskräftig bejaht worden. Die gebotene Rechtssicherheit und Entscheidungsharmonie würden es nicht gestatten, diese Frage im Unterhaltsprozess zu verneinen. Da die Verwirkungshandlungen beginnend ab September 2006 gesetzt worden seien, müsse die Klage ab diesem Zeitpunkt mit Teilurteil abgewiesen werden.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Klägerin nicht Folge, weil es ebenso eine Bindung an die im Oppositionsurteil rechtskräftig ausgesprochene Verwirkung annahm. Das schließe die neuerliche Beweisaufnahme und inhaltliche Prüfung aus. Auch wenn nur ein Teilbetrag des Unterhalts für erloschen erklärt worden sei, sei dennoch der Tatbestand der Verwirkung des Unterhalts erfüllt. Es sei denkunmöglich, dass eine Verwirkung des Unterhalts grundsätzlich bejaht, dennoch aber ein gewisser Unterhalt zugesprochen werde. Die ordentliche Revision wurde für zulässig erklärt, weil die zu lösenden Fragen der Bindungswirkung über den Einzelfall hinaus Bedeutung hätten und einschlägige höchstgerichtliche Judikatur nicht aufgefunden habe werden können.
Dagegen richtet sich die Revision der Klägerin mit dem Antrag auf Aufhebung und Zurückverweisung an das Erstgericht, hilfsweise auf Abänderung dahin, dass der Berufung Folge gegeben werde. Inhaltlich macht die Klägerin im Wesentlichen geltend, wegen der im Oppositionsverfahren unterbliebenen ausreichenden Beweisaufnahmen (außer der Einvernahme der Parteien seien gegen den Widerspruch der Klägerin nur Akten verlesen worden) und der Tragweite der Entscheidung für ihr künftiges wirtschaftliches Fortkommen komme eine Bindung an das Oppositionsurteil nicht in Betracht. Auch das Unterhaltsverfahren sei mangelhaft geblieben, weil nach Vorliegen der Ergebnisse des Oppositionsprozesses gestellte Beweisanträge unerledigt geblieben seien. Nach dem Spruch des Oppositionsurteils könne frühestens mit dem Zeitpunkt der Exekutionsbewilligung vom Eintritt der Verwirkung ausgegangen werden.
Diesen Argumenten trat der Beklagte in seiner Revisionsbeantwortung entgegen.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist zulässig, weil es in zeitlicher Hinsicht einer Korrektur der Teilurteile der Vorinstanzen bedarf, und deshalb im Sinn einer teilweisen Aufhebung in die erste Instanz zum Teil berechtigt.
1. Zur Reichweite des Oppositionsurteils:
1.1. Nach der Rechtsprechung greift das den Einwendungen nach § 35 EO stattgebende Urteil den Anspruch selbst an, es wirkt daher nicht nur für die Anlassexekution, sondern über diese hinaus. Es bewirkt aufgrund nachträglicher Sachverhaltsänderungen eine Änderung des im Exekutionstitel verfügten materiellen Rechtsanspruchs. Die Einstellung der Anlassexekution nach § 35 Abs 4 EO ist nur die Folge des dem Klagebegehren stattgebenden Urteils, nicht aber der ausschließliche Zweck der Klage („Kombinationstheorie“; 3 Ob 277/75 = SZ 49/68; RIS-Justiz RS0001674; RS0001660). Ein über eine Oppositionsklage ergehendes Urteil, dass ein bestimmter Anspruch erloschen sei, hat die gleiche Wirkung - insbesondere auch Rechtskraftwirkung - wie ein Feststellungsurteil (RIS-Justiz RS0001652; RS0001699). Bei einer Klage gemäß § 35 EO ist der bekämpfte Anspruch Gegenstand der Entscheidung, sein Bestehen somit nicht bloß materiell-rechtliche Vorfrage; handelt es sich bei dem bekämpften Anspruch um einen gesetzlichen Unterhaltsanspruch, so stellt die Entscheidung eine Entscheidung über den gesetzlichen Unterhalt dar (7 Ob 344/97g).
1.2. Mit dem klagestattgebenden Oppositionsurteil vom , rechtskräftig seit , wurde somit über den gesetzlichen Unterhaltsanspruch der Klägerin nach § 94 ABGB während aufrechter Ehe dem Grunde nach entschieden. Denn der Umstand, dass zwischen den Streitteilen am eine vergleichsweise Regelung getroffen worden ist, ändert an der Qualifikation des geltend gemachten Anspruchs als gesetzlicher Unterhaltsanspruch nichts (RIS-Justiz RS0046467 [T16]).
1.3. Nach § 35 Abs 1 EO können Einwendungen im Zug des Exekutionsverfahrens nur gegen den Anspruch erhoben werden, zu dessen Gunsten Exekution bewilligt wurde (RIS-Justiz RS0001454 [T1]; RS0001538). Betrifft die Exekutionsführung nur einen Teil der Gesamtjudikatschuld, so darf im Oppositionsprozess nicht auch über die von der Exekutionsführung unberührt gebliebene Restjudikatschuld erkannt werden (RIS-Justiz RS0001366, RS0001538 [T1]). Maßgeblicher Beurteilungsmaßstab bleibt daher immer der betriebene Anspruch (3 Ob 64/12a).
Im vorliegenden Urteilsspruch wurde der Anspruch in dieser Hinsicht zutreffend individualisiert („zu dessen Hereinbringung zu ... mit Beschluss vom ... die Exekution bewilligt wurde“). Der Exekutionsantrag und dessen Bewilligung (in berichtigter Fassung) betraf neben dem laufenden Unterhalt ab auch einen Unterhaltsrückstand von 862,23 EUR samt 4 % Zinsen seit . Auch wenn nicht ausdrücklich klargestellt wurde, für welchen Zeitraum der Unterhaltsrückstand aufgelaufen sein soll, lässt der Beginn des begehrten Zinsenlaufs dennoch ausreichend klar erkennen, dass auch ein zum Teil rückständiger Unterhalt für Jänner 2009 Gegenstand der Exekution ist.
Als betriebener Anspruch hat somit ein Unterhaltsrückstand für Jänner 2009 von 862,23 EUR sowie der laufende Unterhalt ab in der Höhe von 1.805 EUR monatlich zu gelten.
1.4. Als Zwischenergebnis ist daher festzuhalten, dass mit dem Oppositionsurteil vom (nur) über den gesetzlichen Unterhaltsanspruch der Klägerin nach § 94 ABGB ab in dem Sinn abgesprochen wurde, dass ein solcher dem Grunde nach seit diesem Zeitpunkt nicht mehr besteht.
2. Zur Frage der Bindungswirkung des Oppositionsurteils, die der Oberste Gerichtshof im Vorprozess ausdrücklich unbeantwortet ließ:
2.1. Es bedarf keiner weiteren Erörterung, dass auch die vorliegende Unterhaltsklage denselben Unterhaltsanspruch der Klägerin (nicht nur vorläufig) titulieren soll, allerdings schon ab , sodass zeitliche Überdeckung nur für den Zeitraum ab besteht. Unterschiedlich sind auch die Begehren; während nämlich im Oppositionsprozess im Sinn einer negativen Feststellungsklage, allerdings mit der Bewirkung einer Änderung des im Exekutionstitel verankerten materiellen Rechts (RIS-Justiz RS0001674), entschieden wurde, enthält die Unterhaltsklage ein Leistungsbegehren. Schon deshalb liegt keine Identität des Streitgegenstands vor (vgl RIS-Justiz RS0039347 ua), was der Annahme einer Bindungswirkung der Entscheidung im Oppositionsprozess für das Verfahren über die später zu entscheidende Unterhaltsklage zunächst entgegensteht.
2.2. Der Oberste Gerichtshof hat aber schon mehrfach trotz fehlender Identität der Begehren einer inhaltlichen Bindung des später entscheidenden Gerichts an ein Urteil im Vorprozess angenommen, wenn Parteien und rechtserzeugender Inhalt identisch sind und beide Prozesse in einem so engen inhaltlichen Zusammenhang stehen, dass die Gebote der Rechtssicherheit und der Entscheidungsharmonie eine widersprechende Beantwortung derselben in beiden Fällen entscheidenden Rechtsfrage nicht gestatten (RIS-Justiz RS0041157). Ein solcher ist anzunehmen, wenn die Entscheidung über den neuen Anspruch vom Inhalt der bereits rechtskräftig entschiedenen Streitsache abhängig ist (Präjudizialität der rechtskräftigen Entscheidung) oder wenn das Begehren das begriffliche Gegenteil des rechtskräftig entschiedenen Anspruchs darstellt (RIS-Justiz RS0041572; RS0041567; RS0041331).
Der Ausspruch des Erlöschens des Unterhaltsanspruchs der Ehefrau wegen Verwirkung stellt das begriffliche Gegenteil zu einem Zuspruch von Ehegattenunterhalt an die Ehefrau dar, sodass der geforderte innere Zusammenhang der beiden Prozesse zu bejahen und von einer Bindungswirkung des Urteils im Oppositionsprozess auszugehen ist. Die Vertauschung der Parteirollen ist nämlich für die Beurteilung der Bindungswirkung ohne Bedeutung (RIS-Justiz RS0120854).
2.3. Damit stellt sich die Frage nach der Reichweite der Bindungswirkung als Aspekt der materiellen Rechtskraft. Die Rechtskraftwirkung eines Urteils erstreckt sich grundsätzlich nur auf den geltend gemachten Anspruch, über den im Urteil entschieden wurde, und zwar auf den Spruch; nur soweit es für die Individualisierung des Anspruchs und dessen Tragweite erforderlich ist, sind auch die Entscheidungsgründe heranzuziehen (RIS-Justiz RS0041357; RS0043259).
Es wurde bereits dargelegt, dass Gegenstand des Oppositionsurteils nur der betriebene Anspruch sein kann. Für die Individualisierung des für erloschen erklärten Anspruchs ist daher vorweg auf den Inhalt der Exekutionsbewilligung Bedacht zu nehmen. Die Bindungswirkung des vorliegenden Oppositionsurteils muss sich daher auf den Zeitraum ab beschränken.
2.4. Für eine Ausweitung der Bindungswirkung auf einen Zeitraum vor dem bleibt deshalb kein Raum. Denn weder das Gebot der Entscheidungsharmonie noch das Bedürfnis nach Rechtssicherheit sind für sich allein taugliche Argumente dafür, die Rechtskraft eines Urteils über den entschiedenen Anspruch hinaus zu erweitern (vgl RIS-Justiz RS0102102; RS0041572 [T24]).
Die Vorinstanzen haben daher zu Unrecht eine bindende Vorentscheidung zum Unterhaltsanspruch der Klägerin auch für die Zeit von September 2006 bis einschließlich Dezember 2008 angenommen. Im fortgesetzten Verfahren bedarf es daher einer selbständigen Prüfung für den Zeitraum zwischen und .
2.5. Im Umfang der Abweisung für den verbleibenden Zeitraum ab blieb das Verfahren jedoch mängelfrei.
2.5.1. Die Bindungswirkung hindert zwar nicht die Urteilsfällung über den neuen Anspruch, schließt jedoch die Verhandlung und Beweisaufnahme über ein neues, begrifflich aber untrennbar mit dem Inhalt der rechtskräftigen Vorentscheidung zusammenhängendes Klagebegehren sowie dessen neuerliche Prüfung aus (RIS-Justiz RS0041205; RS0041253). Infolge der Rechtskraftwirkung der Vorentscheidung ist die Berufung auf Tatsachen, die bei Schluss der Verhandlung erster Instanz im Vorprozess schon existent waren, aber nicht vorgebracht wurden, im Folgeprozess ausgeschlossen (RIS-Justiz RS0041321; RS0106966). Ein neues Vorbringen ist durch die Rechtskraft nur dann nicht präkludiert, wenn es mit dem Prozessstoff des ersten Rechtsstreits nicht im Zusammenhang steht (RIS-Justiz RS0036744).
2.5.2. Die Aufnahme der von der Klägerin zur Erwiderung des Verwirkungseinwands des Beklagten angebotenen Beweises konnte somit unterbleiben, weil dem Richter im Folgeprozess eine neuerliche Prüfung des schon entschiedenen Anspruchs verwehrt ist.
Das gilt auch für die Rüge von Mängeln des Oppositionsverfahrens. Abgesehen davon übergeht die Klägerin in der Revision die Begründung der Rechtsmittelinstanzen im Vorverfahren, warum eine unmittelbare Beweisaufnahme nur durch Einvernahme der beiden Parteien keinen Verfahrensmangel darstellte: Es fehlte nämlich an einer entsprechenden Antragstellung durch die Klägerin (dort als Beklagte).
Die erst nach Eintritt der Rechtskraft des Oppositionsurteils erhobene Behauptung, der Klägerin seien die vorgeworfenen Übertreibungen bei den Anschuldigungen gegen den Beklagten aus psychischen Gründen nicht vorwerfbar, betrifft eine Tatsache, die bei Schluss der Verhandlung im Oppositionsprozess bereits existent war und in engem Zusammenhang mit dessen Prozessstoff stand; sie ist deshalb präkludiert, sodass auch dazu keine Beweisaufnahmen erforderlich waren.
Soweit sich die Klägerin schließlich erstmals in der Revision auf neue Tatschen beruft, muss deren Berücksichtigung schon daran scheitern, dass diese unzulässige und deshalb unbeachtliche Neuerungen darstellen.
3. Zusammenfassung
Die Bindungswirkung des Vorprozesses beschränkt sich darauf, dass eine Verwirkung des Unterhaltsanspruchs der Klägerin nach § 94 ABGB erst ab anzunehmen ist, weshalb das Teilurteil der Vorinstanzen in diesem Umfang zu bestätigen ist.
Im Übrigen, also für den Zeitraum von bis , wird eine vom Oppositionsprozess unabhängige Prüfung des von der Klägerin geltend gemachten Unterhaltsanspruchs nachzuholen sein. Das erfordert die Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen in diesem Umfang und die Zurückverweisung an die erste Instanz, um die beantragten Beweise (dies auch für den vom Teilurteil nicht erfassten Zeitraum April bis einschließlich August 2006) aufzunehmen und neuerlich zu entscheiden.
Der Kostenvorbehalt gründet sich auf § 52 ZPO.
Zusatzinformationen
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Rechtsgebiet | Zivilrecht |
ECLI | ECLI:AT:OGH0002:2013:0030OB00167.13Z.1029.000 |
Datenquelle |
Fundstelle(n):
QAAAD-44512